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Wissenschaft : Ernstfall Pocken: Was wäre, wenn?

  • -Aktualisiert am

"Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger! Bitte haben Sie Geduld. Es ist genügend Impfstoff für alle vorhanden, warten Sie in der Schlange, bis Sie an der Reihe sind." Das Infoblatt existiert schon, das der Staat den Bürgern im Ernstfall in die Hände drückt.

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          "Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger! Bitte haben Sie Geduld. Es ist genügend Impfstoff für alle vorhanden, warten Sie in der Schlange, bis Sie an der Reihe sind." Das Infoblatt existiert schon, das der Staat den Bürgern im Ernstfall in die Hände drückt. Vom Frankfurter Flughafen könnte der Anschlag seinen Ausgang nehmen oder von einem anderen Ort, an dem viele Menschen zusammenkommen.

          Wie die meisten Nachbarländer stellt sich nun auch Deutschland auf einen bioterroristischen Anschlag mit Pockenviren ein. Seit 1980 gilt die Krankheit als ausgerottet, seit den siebziger Jahren wird hierzulande nicht mehr immunisiert. So bereitet sich die Bundesrepublik jetzt auf einen beispiellosen Kraftakt vor: Schlimmstenfalls würde das Volk innerhalb von fünf Tagen gegen Pocken "durchgeimpft".

          Auf ein entsprechendes Rahmenkonzept verständigte sich Ende vergangenen Jahres eine Arbeitsgemeinschaft von Bund und Ländern unter Federführung des Berliner Robert-Koch-Instituts (RKI). Noch werden die Pläne unter Verschluß gehalten. Dabei wurden sie bereits an die Kommunen weitergereicht. Jan Leidel, Leiter des Kölner Gesundheitsamtes, nimmt kein Blatt vor den Mund. "Natürlich setzen wir die Dinge, die jetzt beschlossen sind, so gut es geht um", sagt er. Die Vorbereitung auf den "sehr hypothetischen" Fall eines Pockenanschlags sei für sich genommen nicht schlimm. "Aber es wird etwas Schlimmes, wenn wir uns in einer Situation befinden, wo die öffentlichen Kassen so leer sind, daß ich schon die alltäglichen gesundheitlichen Bedürfnisse der Bevölkerung, für die ich eigentlich als Amtsarzt dieser Stadt zuständig bin, nur noch sehr eingeschränkt wahrnehmen kann."

          Bundesweit sieht das Rahmenkonzept 3287 Pockenimpfstätten vor, jeweils eine für 25000 Bundesbürger. In jeder davon würden pro Tag 5000 Menschen "durchgeschleust". Die Räumlichkeiten müssen über "Kühlmöglichkeit für Impfstoff" verfügen und über "genügend großen Versammlungs- bzw. Stauraum für die Menschenschlangen". 13146 Ärzte müßten rekrutiert werden, 262923 medizinische Fachkräfte, 65731 polizeiliche Ordnungskräfte, 26292 weitere Helfer. 60 Millionen Impfdosen wurden bereits angeschafft. Die Kosten von rund 200 Millionen Euro allein für den Impfstoff teilt sich der Bund mit den für Katastrophenschutz zuständigen Ländern. Bis Ende des Jahres sollen 100 Millionen Impfdosen verfügbar sein - genug, um theoretisch allen 82 Millionen Bundesbürgern sagen zu können: "Bitte machen Sie Ihren linken Oberarm frei."

          Niedersächsische Amtsärzte übten den Umgang mit der doppelzackigen Impfnadel schon mal an Schweinepfoten. Berlin will den Ernstfall jetzt erstmals unter realistischen Bedingungen trainieren (Sonntagszeitung v. 9.3.). Im Landkreis Gießen wurde, wie andernorts, beschlossen, die Impfstätten in den Wahllokalen anzusiedeln. Letztlich sei die Abwicklung der Impfaktion dem Wahlvorgang vergleichbar: "Zur bekanntgegebenen Zeit suchen die Bewohnerinnen und Bewohner des Wahlbezirks ihr Wahllokal auf, dort werden sie anhand bereitliegender Listen registriert, sodann wird die Impfung durchgeführt, und es wird anschließend eine Impfkarte ausgegeben."

          Doch so geordnet ginge es wohl kaum zu. Jan Leidel erinnert sich noch an den letzten Ausbruch von Diphtherie Ende der siebziger Jahre in Köln, bei dem 80 Menschen erkrankten und zehn starben. "Die Geimpften mußten von der Feuerwehr mit Leitern aus dem Fenster geholt werden, weil die Wartenden bereits nachdrängten." Und so harmlos wie die Stimmabgabe ist die Pockenimpfung auch nicht. Der Impfstoff enthält ein Lebendvirus: "Vaccinia", einen Verwandten der Pocken-Viren. Wegen schwerer, in Einzellfällen tödlicher Nebenwirkungen ist er nirgends auf der Welt mehr zugelassen. Für viele wäre die Impfung so riskant, daß sie dafür gar nicht in Betracht kämen. Darum soll in der Impfstätte jeder zunächst einen Fragebogen ausfüllen.

          "Haben Sie Allergien? Wenn ja, welche? Leiden Sie an einer der folgenden Erkrankungen: Hautausschlag, Verbrennungen, Windpocken, Schädigung der Immunabwehr (z.B. angeboren, durch Krebs, HIV/Aids), Entzündliche Erkrankung des Nervensystems (z.B. Multiple Sklerose, Epilepsie, Fieberkrämpfe), Chronische Erkrankung des Nervensystems, Schwere Organerkrankungen (z.B. schwerer Diabetes, Asthma, schwere Herz- oder Nierenerkrankung), Autoimmunerkrankungen?"

          Wer auf eine dieser Fragen mit "Ja" antwortet, dürfte sich in die Impfschlangen eigentlich ebenso wenig einreihen wie Menschen mit allergischen Ekzemen, Neurodermitis, Krebskranke unter Strahlen- oder Chemotherapie, Patienten mit chronischen Erkrankungen, die eine Cortisontherapie brauchen, Schwangere. Kontraindiziert wäre die Impfung in solchen Fällen auch bei den nächsten Angehörigen. Denn über die Impfwunde kann das "Vaccinia"-Impfvirus von frisch geimpften auf ungeimpfte Personen übertragen werden.

          Damit erhält das Problem der Kontraindikation eine ungeahnte Dimension. Zu Zeiten der letzten Massenimpfungen habe man "mit der Chemotherapie bei Krebs gerade erst angefangen" schrieb Kent Sepkowitz, Leiter der Abteilung für Infektionskrankheiten am New Yorker Memorial Sloan-Kettering Cancer Center, unlängst im New England Journal of Medicine: "Organtransplantationen gab es damals nicht. Vom HIV-Virus hatte noch niemand etwas gehört."

          Amerikanische Mediziner schätzen, daß 25 Prozent aller Bürger der Vereinigten Staaten von einer Pockenimpfkampagne ausgeschlossen werden müßten. Reinhard Kurth, Präsident des RKI, geht für Deutschland von einer "zweistelligen Millionenzahl" aus. Je nach Bedrohungspotential werde sich "die Nutzen-Risiko-Analyse ständig verschieben". Niemand solle gezwungen werden. Doch der Alarmplan sehe Abstufungen vor: "Je mehr das Risiko zunimmt, desto kleiner wird auch der Kreis der Personen, die wir von den Impfungen ausnehmen würden." Kontraindikationen "zerstäuben im Ernstfall doch wie Pulverschnee", formuliert es Jan Leidel vom Kölner Gesundheitsamt etwas flapsiger.

          Menschen, die - wie HIV-Infizierte - so immungeschwächt sind, daß sie unter keinen Umständen geimpft werden dürfen, hätten damit zu rechnen, daß sie in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt werden. Dem seit 2001 gültigen Infektionsschutzgesetz zufolge wäre in einer Gesellschaft, in der Pockenverdacht herrscht, letztlich jeder Nichtgeimpfte ein "Ansteckungsverdächtiger". Muß man also im Fall der Fälle ein Viertel der Bevölkerung unter Quarantäne stellen? Menschen zu Zigtausenden wegzusperren sei ein absurde Vorstellung, meint Kurth dazu: "Man kann ja kein Lager einrichten." Die Entscheidung sei "klassisch situationsbedingt". Denkbar sei es, wie bei früheren Pockenfällen, den Reiseverkehr zu unterbrechen oder bestimmte Örtlichkeiten abzusperren: "Das kann ein Straßenzug, ein einzelnes Haus, auch ein Stadtviertel sein."

          Niemand mag im Moment an solche Konsequenzen ernsthaft denken. Das Risiko eines Pockenanschlag0s sei "sehr, sehr gering", beteuert Kurth immer wieder. Solange es auf der ganzen Welt keine Pocken gibt und nicht geklärt ist, ob der Staat für Nebenwirkungen haftet, wenn er seinen Bürgern einen nicht zugelassenen Impfstoff empfiehlt, wird in Deutschland auch niemand freiwillig gegen Pocken geimpft. Geben die Juristen grünes Licht, womit das RKI rechnet, wird im Rahmen eines Dreiphasenmodells mit dem Impfen begonnen. Zunächst werden nur Ärzte und Mitarbeiter aus Kompetenzzentren und Speziallabors dazu aufgefordert; bundesweit sind das fünfhundert bis sechshundert Personen. Kurth ist entschlossen, selbst mit gutem Beispiel voranzugehen. "Das geht gar nicht anders", sagt er. Träten irgendwo auf der Welt Pocken auf ("Phase 2"), würden die sogenannten "First Responder" folgen, die im Ernstfall die öffentliche Sicherheit und Ordnung aufrechterhalten sollen: medizinisches Personal, Feuerwehr, Polizei, Rettungsdienste, Beschäftigte aus Wasserwerken, E-Werken, Verwaltung inklusive politischer Führung. Diese Zahl ginge schon in die Hunderttausende.

          Mit dem ersten Pockenfall in Deutschland ("Phase 3") würde die flächendeckende Impfung angeboten oder - je nach Bedrohungspotential - auch angeordnet. Die Entscheidung über eine allgemeine Pockenimpfpflicht obliegt nach dem Infektionsschutzgesetz entweder dem Bund oder den Bundesländern. "Die Länder haben allerdings schon signalisiert, sie hätten es gern, daß der Bund diese Verantwortung übernimmt", sagt Kurth.

          Bei allen diesen Überlegungen bleibt die Frage der Verhältnismäßigkeit. So ansteckend, wie es oft dargestellt wird, sind Pocken nämlich nicht. Masern und Windpocken sind deutlich "kontagiöser". Übertragen wird der Erreger nur durch relativ enge Kontakte und über eine kurze Distanz. Ansteckend sind die Pocken im Normalfall erst, wenn schon klare Symptome auftreten, so daß einem Selbstmordattentäter nur ein kleines Zeitfenster bliebe, in dem er andere Menschen infizieren könnte, bevor er selber so schwach ist, daß er das Bett nicht mehr verlassen kann.

          Darüber sind sich im Prinzip sogar alle einig. Doch es lassen sich unterschiedliche Konsequenzen ziehen. Das RKI rechtfertigt den Aufwand, der für die Pockenalarmpläne getrieben wird, mit dem Restrisiko eines "seuchenmedizinischen GAUs". Jan Leidel, der Leiter des Kölner Gesundheitsamtes, meint, daß man einen Terrorangriff auch in den Griff bekäme, wenn man nur Kontaktpersonen von Pockenkranken ausfindig machen, impfen und isolieren würde. Mehr sei angesichts der kommunalen Finanzmisere sowieso nicht drin. Vielleicht sei hier aber auch eine gewisse Portion politischer Aktionismus am Werk, argwöhnt er. Politiker könnten den Bürgern auf diese Weise signalisieren: "Seht her, es kann ganz schrecklich kommen. Aber wir sind aktiv und schützen euch." Eine solche Botschaft sei für Politiker nun mal nicht ohne Reiz.

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