https://www.faz.net/-gpc-441v

Die von Ihnen angeforderte Seite kann leider nicht ausgeliefert werden. Das tut uns leid. Interessiert Sie eine andere Geschichte von der aktuellen FAZ.NET-Homepage?

Wissenschaft : Ernstfall Pocken: Was wäre, wenn?

  • -Aktualisiert am

Doch so geordnet ginge es wohl kaum zu. Jan Leidel erinnert sich noch an den letzten Ausbruch von Diphtherie Ende der siebziger Jahre in Köln, bei dem 80 Menschen erkrankten und zehn starben. "Die Geimpften mußten von der Feuerwehr mit Leitern aus dem Fenster geholt werden, weil die Wartenden bereits nachdrängten." Und so harmlos wie die Stimmabgabe ist die Pockenimpfung auch nicht. Der Impfstoff enthält ein Lebendvirus: "Vaccinia", einen Verwandten der Pocken-Viren. Wegen schwerer, in Einzellfällen tödlicher Nebenwirkungen ist er nirgends auf der Welt mehr zugelassen. Für viele wäre die Impfung so riskant, daß sie dafür gar nicht in Betracht kämen. Darum soll in der Impfstätte jeder zunächst einen Fragebogen ausfüllen.

"Haben Sie Allergien? Wenn ja, welche? Leiden Sie an einer der folgenden Erkrankungen: Hautausschlag, Verbrennungen, Windpocken, Schädigung der Immunabwehr (z.B. angeboren, durch Krebs, HIV/Aids), Entzündliche Erkrankung des Nervensystems (z.B. Multiple Sklerose, Epilepsie, Fieberkrämpfe), Chronische Erkrankung des Nervensystems, Schwere Organerkrankungen (z.B. schwerer Diabetes, Asthma, schwere Herz- oder Nierenerkrankung), Autoimmunerkrankungen?"

Wer auf eine dieser Fragen mit "Ja" antwortet, dürfte sich in die Impfschlangen eigentlich ebenso wenig einreihen wie Menschen mit allergischen Ekzemen, Neurodermitis, Krebskranke unter Strahlen- oder Chemotherapie, Patienten mit chronischen Erkrankungen, die eine Cortisontherapie brauchen, Schwangere. Kontraindiziert wäre die Impfung in solchen Fällen auch bei den nächsten Angehörigen. Denn über die Impfwunde kann das "Vaccinia"-Impfvirus von frisch geimpften auf ungeimpfte Personen übertragen werden.

Damit erhält das Problem der Kontraindikation eine ungeahnte Dimension. Zu Zeiten der letzten Massenimpfungen habe man "mit der Chemotherapie bei Krebs gerade erst angefangen" schrieb Kent Sepkowitz, Leiter der Abteilung für Infektionskrankheiten am New Yorker Memorial Sloan-Kettering Cancer Center, unlängst im New England Journal of Medicine: "Organtransplantationen gab es damals nicht. Vom HIV-Virus hatte noch niemand etwas gehört."

Amerikanische Mediziner schätzen, daß 25 Prozent aller Bürger der Vereinigten Staaten von einer Pockenimpfkampagne ausgeschlossen werden müßten. Reinhard Kurth, Präsident des RKI, geht für Deutschland von einer "zweistelligen Millionenzahl" aus. Je nach Bedrohungspotential werde sich "die Nutzen-Risiko-Analyse ständig verschieben". Niemand solle gezwungen werden. Doch der Alarmplan sehe Abstufungen vor: "Je mehr das Risiko zunimmt, desto kleiner wird auch der Kreis der Personen, die wir von den Impfungen ausnehmen würden." Kontraindikationen "zerstäuben im Ernstfall doch wie Pulverschnee", formuliert es Jan Leidel vom Kölner Gesundheitsamt etwas flapsiger.

Menschen, die - wie HIV-Infizierte - so immungeschwächt sind, daß sie unter keinen Umständen geimpft werden dürfen, hätten damit zu rechnen, daß sie in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt werden. Dem seit 2001 gültigen Infektionsschutzgesetz zufolge wäre in einer Gesellschaft, in der Pockenverdacht herrscht, letztlich jeder Nichtgeimpfte ein "Ansteckungsverdächtiger". Muß man also im Fall der Fälle ein Viertel der Bevölkerung unter Quarantäne stellen? Menschen zu Zigtausenden wegzusperren sei ein absurde Vorstellung, meint Kurth dazu: "Man kann ja kein Lager einrichten." Die Entscheidung sei "klassisch situationsbedingt". Denkbar sei es, wie bei früheren Pockenfällen, den Reiseverkehr zu unterbrechen oder bestimmte Örtlichkeiten abzusperren: "Das kann ein Straßenzug, ein einzelnes Haus, auch ein Stadtviertel sein."

Weitere Themen

Topmeldungen

Kritisierte Meuthens Rede als „spalterisch“: der Vorsitzende der Bundestagsfraktion und AfD-Ehrenvorsitzende Alexander Gauland

AfD-Parteitag : Gauland schlägt zurück

Für seine Kampfansage an die Radikalen muss der AfD-Vorsitzende Jörg Meuthen heftige Kritik einstecken. Fraktionschef Alexander Gauland rügt Meuthens Rede als „Verbeugung vor dem Verfassungsschutz“ – dabei müsse die AfD gegen diesen „kämpfen“.

Verletzte und Festnahmen : Zehntausende Menschen protestieren in Frankreich

In Paris bauten Demonstranten Barrikaden und bewarfen Polizisten mit Steinen. Mehrere wurden verletzt. Die Demos richteten sich gegen Polizeigewalt und das umstrittene Sicherheitsgesetz. Die Organisatoren sprechen von 500.000 Teilnehmern im ganzen Land.
Kaum zu glauben: Marco Reus unterliegt mit der Borussia gegen Köln.

Überraschende BVB-Pleite : Dortmunder Debakel gegen Krisenklub

Mit einem Sieg hätte die Borussia an der Bundesliga-Tabellenspitze Druck auf den FC Bayern machen können. Stattdessen unterliegt der BVB dem abgeschlagenen 1. FC Köln. Erling Haaland vergibt in der Nachspielzeit eine Großchance.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.