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Zwiespältiger Umweltbericht : Europas Luft erholt sich langsam

  • Aktualisiert am

Feinstaubalarm in der Stuttgarter Innenstadt. Bild: dpa

Die Richtung stimmt, die Qualität noch nicht: Neue Zahlen aus 41 Ländern zeigen, dass die Luft an manchen Stellen besser wird, aber Grenz- und Richtwerte noch immer vielfach überschritten werden – mit fatalen Folgen.

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          Trotz einer Verbesserung der Luftqualität in Europa führt die anhaltende Luftverschmutzung weiterhin jährlich zu Hunderttausenden vorzeitigen Todesfällen auf dem Kontinent. Wie die Europäische Umweltagentur (EEA) in Kopenhagen bei der Präsentation des „Air Quality Reports 2019“ mitteilte, starben im Jahr 2016 rund 400 000 Menschen in der EU vorzeitig, weil sie Feinstaub, Stickstoffdioxid und bodennahem Ozon ausgesetzt waren.

          Beinahe alle in Städten lebenden Europäer seien einer Luftbelastung ausgesetzt, die noch immer über die empfohlenen Werte der Weltgesundheitsorganisation WHO hinausgehe, urteilte die Behörde in ihrem am Mittwoch veröffentlichten Jahresbericht zur Luftqualität in Europa. Eine Verringerung der Luftverschmutzung würde vorzeitige Todesfälle verringern und die Produktivität steigern. Die Einwohner vieler europäischer Städte forderten eine sauberere Luft für sich und ihre Kinder ein.

          „Europa hat jetzt eine einmalige Gelegenheit, eine ambitionierte Agenda aufzustellen, mit der die systematischen Ursachen von Umweltbelastungen und Luftverschmutzung angegangen werden“, erklärte EEA-Direktor Hans Bruyninckx. Es sei an der Zeit, die Veränderungen in den Bereichen Energie, Lebensmittel und Transport zu beschleunigen.

          Verlorene Existenzen, verlorene Lebensjahre

          Dem Bericht zufolge sterben in den 41 untersuchten Ländern 412.000 Menschen vorzeitig wegen der Feinstaub-PM2.5-Belastung, 71.000 Menschen wegen Stickoxyden und 15.100 Menschen wegen der Ozon-Belastung, einem Schadstoff, der sich aus Vorläufersubstanzen bildet. In verlorenen Lebensjahren ausgedrückt gehen in den 41 Ländern wegen Feinstaub-PM2.5-Belastung 4,223 Millionen Lebensjahre verloren, wegen NO2 707.000 Lebensjahre und wegen Ozon 160.000 Lebensjahre.

          Für Dietrich Plaß vom Umweltbundesamt in Dessau-Roßlau gibt es deshalb noch keine Entwarnung. „Die Entwicklung geht also in die richtige Richtung. Trotzdem ist vor allem in Städten die Qualität der Luft noch zu schlecht und gefährdet die Gesundheit. Dies lässt sich erkennen, wenn zur Bewertung die strengeren Empfehlungen der WHO herangezogen werden. Als besonders problematische Stoffe stuft die EEA Feinstaub, Stickstoffdioxid und Ozon, aber auch Benzo(a)pyren ein.“

          Hauptquelle für primären Feinstaub ist in der EU-28 der Bereich der Kleinfeuerungsanlagen in Gewerbe und Haushalten. Gut 44 Prozent der in europäischen Städten und Vorstädten lebenden Menschen ist Feinstaub-Konzentraitonen (PM10) über der WHO-Empfehlung von 20 Mikrogramm pro Kubikmeter im Jahresmittel ausgesetzt. Für die noch feineren Partikel PM2,5 sind es sogar 77 Prozent – die WHO-Empfehlung liegt bei 10 Mikrogramm pro Kubikmeter. Die geringste Belastung ist in Nordeuropa  – Island und Finnland – zu finden, die höchste Belastung in Osteuropa, Norditalien und der Türkei. Im Ranking der EU-Staaten liegt Deutschland im unteren Drittel – also mit einer geringeren Belastung als die meisten EU-Länder. Umwelthygieniker Plaß: „Die Ergebnisse des EEA-Berichts zur Krankheitslast, die auf Luftschadstoffe zurückgeführt werden kann, zeigen, dass Feinstaub unter den Luftschadstoffen die größte Belastung für die Bevölkerungsgesundheit darstellt. Dies gilt nicht nur für die EU insgesamt, sondern auch für Deutschland.“

          Verkehr verursacht Stickoxd-Belastung

          Hauptquelle für Stickoxide ist in Europa wie auch in Deutschland der Verkehrsbereich mit 39 Prozent (beziehungsweise 38 Prozent in Deutschland)  Anteil an den gesamten Stickoxiyd-Emissionen.

          Christoph Schneider, Geograph an der Humboldt-Universität zu Berlin, weist auf wichtige Lücken in der Erhebung und in den Meßnetzen hin: „Leider gibt es keine europaweite Auswertung zur Belastung mit Ultrafeinstaub, also den Partikeln kleiner 100 Nanometer. Diese gesundheitlich hoch wirksamen Partikel sind vor allem an Orten mit starker Verkehrsbelastung von hoher Bedeutung. Die Europäische Union sollte in zukünftigen Berichten diesen Schadstofftyp, wenn auch nur auf der Basis eines eingeschränkten Messnetzes, im EU-Luftqualitätsbericht zusätzlich behandeln.“

          Für Barbara Hoffmann, Umweltepidemiologin der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf ist auch weiterhin einiges zu tun: „Die gute Nachricht ist, dass die Gesundheitsfolgen durch Luftverschmutzung mit Feinstaub in Deutschland und auch in Europa in den letzten Jahren insgesamt leicht abgenommen haben. Leider ist diese Abnahme sehr langsam und in einigen Regionen Europas, vor allem im Osten und Süden, finden sich weiterhin ganz erhebliche Belastungen mit Feinstaub.“

          Ob die dargestellten allmählichen Verbesserungen nachhaltig sind, ist nach Einschätzung des österreichischen Umweltmediziners Hans-Peter Hutter von der Medizinischen Universität Wien eine entscheidende Frage: „Wie sich in der jüngsten Vergangenheit gezeigt hat, besteht die Gefahr, dass etwa Grenzwerte attackiert werden und sich diverse Splittergruppen zum Beispiel für höhere Stickoxyd-Grenzwerte aussprechen. Und das obwohl die wissenschaftlichen Erkenntnisse in die entgegengesetzte Richtung gehen, nämlich eine weitere Absenkung speziell der Feinstaub-PM2.5-Grenzwerte für den Jahresmittelwert dringend erforderlich machen. Während die EU 25 Mikrogramm PM2.5 pro Kubikmeter Luft vorschreibt, liegen bekanntlich die WHO-Richtwerte bei 10 Mikrogramm pro Kubikmeter. Und eine weitere Absenkung dieser scheint nicht ausgeschlossen.“

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