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Zusagen für Klimagipfel : Mit 87 Prozent in die heiße Phase

Der UN-Klima-Dom, ein neues Ausstellungszentrum im Parise Umweltministerium. Bild: Reuters

Gestern war Stichtag, jetzt wird gerechnet. Reicht es für einen neuen Weltklimavertrag? 146 Staaten haben ihre Ziele für den Pariser Gipfel schriftlich hinterlegt, nur die Ölscheichs bleiben hart.

          „Es gibt eine Unterstützung wie nie zuvor“, das ist die erste Bilanz der französischen Botschafterin für den Pariser Klimagipfel, Laurence Tubiana, nachdem die Frist für die Einreichung der nationalen Klimaziele bei den Vereinten Nationen  am Freitag abgelaufen war. Eine „reißende Flut“ an Zustimmungsschreiben notierte sogar Christina Figueres, die Generalsekretärin des Sekretariats der Klimarahmenkonvention in Bonn. Wie viel Zweckoptimismus auch immer hinter solcher Euphorie steckt, die Zahlen sprechen für sich: 146 Nationen plus Europäische Union und damit drei Viertel der Unterzeichner der Klimarahmenkonvention haben schriftlich ihre Vorschläge mit ihren jeweiligen nationalen Klimaschutzzielen vorgelegt. Alle zusammen sind sie für 87 Prozent der weltweiten Treibhausgas-Emissionen verantwortlich. Zu den Einreichern nationaler Klimaziele zählen: Ausnahmslos alle Industriestaaten sowie siebzig Prozent - genauer: 104 - Entwicklungsländer, die dem Klimaabkommen beigetreten waren. 80 Prozent der Dokumente enthält nicht bloß vage Bekenntnisse zum Klimaschutz, sondern echte quantifizierte Zielmarken.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          So viel Zustimmung für ein neues Weltklimaabkommen hatten viele nicht erwartet. „Wir erwarten in den nächsten Wochen noch weitere Zusagen“, schreibt das Klimasekretariat UNFCCC. Ob die allerdings von einem der großen Ölstaaten im Nahen Osten kommen, ist höchst fraglich. Bis jetzt jedenfalls haben sich etwa die Vereinigten Arabischen Emirate, die sich als Wortführer der größten ölexportierenden Staaten immer wieder in die Klimaverhandlungen eingemischt und sie zu torpedieren versuchten, nicht konkret geäußert.

          Am 1. November wird das Klimasekretariat eine zusammenfassende Bewertung der nationalen Klimaziele vorlegen.  Bis dahin allerdings ist die heiße Phase vor dem Klimagipfel von Paris Anfang Dezember längst gestartet. „In etwa zehn Tagen werden wir einen neuen Textentwurf für den Pariser Klimavertrag vorlegen“, kündigte Laurence Tubiana in einem informellen Briefing für Journalisten des CPN-Netzwerks an. Das erste ministerielle Treffen vor der Vertragsstaaten-Konferenz, „Pre-COP21“, das ebenfalls nächste Woche stattfinden wird, kann sich damit bereits konkret mit den Vorschlägen befassen. Inhaltlich ist allerdings noch vieles offen. Ob etwa Zahlen in dem rechtsverbindlichen Teil des Klimavertrages auftauchen sollen, welche es sein könnten und wie die Überprüfung der Reduktionszusagen für den Treibhausgasausstoß geregelt sein soll, ist umstritten, gab Tubiana zu bedenken.

          Auf dem Weg zu 2,7 Grad Erwärmung

          Und schließlich wird es auch um Zahlen gehen, die von ganz anderen, kritischen Experten kommen. Der unabhängige wissenschaftlich organisierte „Climate Action Tracker“ hat nach der Auswertung der eingereichten nationalen Klimaziele ermittelt: Im besten Fall ließe sich die weltweite Erwärmung bis zum Ende des Jahrhunderts mit den bekannten Eingaben auf durchschnittlich 2,7 Grad begrenzen. Das ist deutlich mehr als die maximal zwei Grad, die offizielle Linie der UN-Klimapolitik sind, und fast doppelt so viel wie die 1,5 Grad, die etwa die am stärksten vom Meeresspiegelanstieg betroffenen Inselstaaten erhoffen. „Wir dürfen die Beiträge jetzt nicht schlecht reden“, sagte dazu Tubiana. Die jüngste technologische,  politische und ökonomische Entwicklung, etwa der Preisverfall bei den regenerativen Energietechniken, habe gezeigt, dass sich der Klimaschutz eher noch mehr beschleunigen werde als jetzt erwartet. „Paris ist nur ein Anfang, ein Wendepunkt. Wichtig ist, dass die Bemühungen bis zum Inkrafttreten des Klimavertrags im Jahr 2020 weiter gehen.“

          Die Klimabotschafterin für den Pariser Klimagipfel COP21, Laurence Tubiana.

          Einige Indizien deuten für die französische Gipfel-Botschafterin darauf hin, dass man nicht noch einmal scheitern werde - nicht jedenfalls wie in Paris: Die Länder seien, wie die Beteiligung an den nationalen Klimazielen INDC deutlich mache, wesentlich besser vorbereitet, insbesondere gelte das für einflussreiche Länder wie Indien und China. Ideologie spiele viel weniger eine Rolle als die frage, wie das Ziel der Dekarbonisierung der Volkswirtschaften zu erreichen sei. Zudem wollten die Gastgeber diesmal verhindern, dass in kleinen Gruppen hinter verschlossenen Türen verhandelt wird: Keine diplomatischen Extrawürste, „sondern absolute Transparenz“, sagte Tubiana.  

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