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Zum Tod von Hubert Markl : Bürger und Biologe

  • -Aktualisiert am

Hubert Markl ist am 8. Januar in Konstanz gestorben. Bild: MPG, Adolf Clemens

Er war einer der wichtigsten deutschen Wissenschaftler und einer der vielleicht einflussreichsten Wissenschaftsmanager. Ein Nachruf.

          2 Min.

          Er begann sein Studium der Biologie, Chemie und Geographie 1957 an der Universität München und promovierte 1962 im Fach Zoologie. Danach arbeitete er dort als wissenschaftlicher Assistent und habilitierte sich 1967 im Fach Zoologie an der Universität Frankfurt. Zwischendurch verwandelte sich Hubert Markl in „Jim“ Markl – bei einem Aufenthalt in den Vereinigten Staaten. Wohl weil „Hubert“ schwer auszusprechen war, begannen seine amerikanischen Kollegen in Harvard an der Rockefeller-Universität, ihn Jim zu nennen. So wurde er zu Jim Markl für seine Freunde in der Welt.

          Die Karriere des Zoologen ging zunächst in Frankfurt und dann Darmstadt weiter, wo er von 1968 bis zu seinem Wechsel nach Konstanz Direktor des Zoologischen Instituts war. Markls Forschungsfragen waren sehr breit gestreut und reichten von der Physiologie, insbesondere von Sinnesorganen bei Ameisen, über Kommunikation von elektrischen Fischen bis hin zu den Sozialsystemen bei Mäusen. Er war einer der führenden Verhaltensforscher und Mitbegründer der Zeitschrift „Behaviorial Ecology and Sociobiology“ – bis heute eines der bedeutendsten Journale in dem Gebiet der Verhaltensphysiologie.

          Der einflussreichste Wissenschaftsmanager

          Aber er war mehr als nur ein Zoologe. Er war einer der letzten Wissenschaftler, die versuchten, alles zu wissen, und dem näher kamen als die allermeisten. In beiden Kulturen der Wissenschaft war Markl zu Hause. Seine Belesenheit und Bildung in den Geisteswissenschaften beeindruckte insbesondere die Naturwissenschaftler sehr. Seine Eloquenz war legendär. Die Titel einer Auswahl seiner vielen Bücher zeigt den erstaunlichen Horizont: „Biophysik“ (1977), „Evolution of Social Behavior“ (1980), „Natur und Geschichte“ (1983), „Neuroethology and Behavioral Physiology“ (1983), „Evolution, Genetik und menschliches Verhalten“ (1986), „Wissenschaft: Zur Rede gestellt“ (1989), „Wissenschaft gegen Zukunftsangst“ (1998), „Wohin führt uns die Wissenschaft“ (1998), „Schöner neuer Mensch“ (2002). Diese Titel bilden auch seine persönliche Entwicklung vom reinen Wissenschaftler zum Meinungsführer bei Politikern und Entscheidern der deutschen Wissenschaft ab. Er war der vielleicht einflussreichste Wissenschaftsmanager im Nachkriegsdeutschland und einer der wichtigsten Intellektuellen, der regelmäßig auch für diese Zeitung schrieb.

          Inhaber vieler forschungsrelevanter Ämter

          Seit 1974 prägte er die Entwicklung der damals noch jungen Universität Konstanz entscheidend mit. Aber Konstanz war Hubert Markl schon bald zu klein. Sein ungemein wirkungsvolles wissenschaftspolitisches Engagement brachte schnell den Aufstieg von der Regionalliga in die Bundesliga und dann in die internationale Champions League. Mit 36Jahren, im ersten Jahr als Professor in Konstanz, wurde er in den Senat des wichtigsten Forschungsförderungsinstruments, der Deutschen Forschungsgemeinschaft, gewählt. 1986 wurde er Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (bis 1991) wie auch Vizepräsident der Alexander-von-Humboldt-Stiftung. Von 1993 bis 1995 war er Gründungspräsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Dazu Mitglied vieler heimischer Akademien und einiger ausländischer. Die Krönung seiner administrativen Laufbahn war die Präsidentschaft der Max-Planck-Gesellschaft von 1996 bis 2002. Kein anderer hat je diese Kombination der wichtigsten forschungsrelevanten Ämter innegehabt.

          Aber Hubert Markl kann nicht nur als der begnadete Wissenschaftspolitiker gesehen werden. Immer blieb er ein begeisterter Zoologe und ein engagierter Mensch. Erfolgreich wurden auch viele seiner Schüler. Mehr noch: Markl hat sich politisch eingemischt. Er war der Biologe, der als Bürger dem Bundespräsidenten Johannes Rau vor einigen hundert Zuhörern klar seine Meinung zu Abtreibung und Embryonenschutz sagte. Er bewies auch Zivilcourage, als er als Präsident der Max-Planck-Gesellschaft eine Untersuchung zur Rolle der Kaiser-Wilhelm Gesellschaft im Dritten Reich in Auftrag gab. Vorgestern, am 8.Januar, ist Hubert Markl im Alter von 76 Jahren verstorben.

          Axel Meyer

          ist Nachfolger von Hubert Markl am Lehrstuhl für Zoologie und Evolutionsbiologie der Universität Konstanz.

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