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Thomas Südhof zum 60. : Der Strippenzieher fürs Gehirn

Bild: REUTERS

Vernetzung ist sein Lebensthema: Wie knüpfen wir Netzwerke im Gehirn? Heute ist Thomas Südhof, der amerikanischste der deutschen Nobelpreisträger sechzig geworden.

          Für viele, die wenig vom Gehirn wissen, aber viel von Patriotismus zu verstehen glauben, ist es immer noch die spannendste Frage: Ist der Hirnforscher Thomas Südhof nun ein deutscher oder ein amerikanischer Nobelpreisträger? Darüber ließe sich heute noch einiges sagen; der gebürtige Göttinger, der vor zwei Jahren den Nobelpreis für Physiologie und Medizin erhalten hat, sieht sich und seine Familie jedenfalls als bis unter die Haarspitzen amerikanisiert. Wer allerdings jemals mit ihm über die Nationalitätenfrage diskutiert hat, wird den Eindruck nicht los, dass sich darin neben der Begeisterung für das amerikanische Wissenschaftssystem auch Reste von Groll eines überstürzt Geflohenen - respektive eines unglücklich Vertriebenen - ausdrücken.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Zweimal hätte Südhof, dessen Talent in der Neurobiologie schon in seinen akademischen Anfängen als Mediziner in Göttingen, Aachen und Harvard bekannt war, als Direktor eines Max-Planck-Instituts wirken können. Zum ersten Mal in seiner Heimatstadt, wo er Anfang der achtziger Jahre am MPI für biophysikalische Chemie promoviert wurde. Doch der Direktoriumsposten am Göttinger Institut für experimentelle Medizin endete nach einem Disput mit der Max-Planck-Direktion über die molekulare Ausrichtung des Hauses mit seiner Flucht zurück an die University of Texas nach Dallas, wo er bereits als Postdoc unter zwei späteren Nobelpreisträgern gearbeitet hatte. Das zweite Mal, ein paar Jahre später, scheiterte eine Berufung an das Frankfurter MPI für Hirnforschung - angeblich an den Kosten. Am Ende bleibt es unerheblich. Denn für Südhof ist nicht die Frage von Gehältern oder Tierstallkosten erheblich, sondern allein die Frage des experimentellen Möglichkeitsraums und der Vernetzung. In dieser Hinsicht hatten ihm Texas und seit 2008 die Eliteuniversität von Stanford alles zu bieten, was er sich wünscht. Für seine Entdeckungen des höchst präzisen Steuerungssystems an den Verbindungsstellen des Gehirns, den Synapsen, war ihm 2013 zusammen mit den Amerikanern James Rothman und Randy Schekman der Nobelpreis zuerkannt worden.

          Medizin-Nobelpreisträger 2013: Thomas Südhof von der Stanford-Universität.

          Von da an nutzte Südhof seine Popularität, um die Forschung an neurodegenerativen Leiden wie Alzheimer, Schizophrenie und Autismus weltweit zu fördern - zugleich tritt er aber immer wieder auch dem hartnäckigen Gerücht entgegen, wir wüssten heute schon genügend über Vernetzung und molekulare Details, um die Funktionen des Gehirn digital zu simulieren. Nichts ist ihm so fremd wie technologische Hybris als Wesensinhalt seiner Wissenschaft. Mit seiner Heimat verbindet Südhof mittlerweile nicht nur die 2013 wiedererlangte deutsche Staatsbürgerschaft, sondern auch sein eng geknüpftes Forschernetzwerk: Als Gastwissenschaftler am Berliner Institut für Gesundheitsforschung kommt er regelmäßig nach Deutschland. Heute wird Thomas Südhof sechzig Jahre alt.

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