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Zukunftslabor Lindau 2019 : Ein Flüstern am Meer

Die Fältchen im Äußersten, die diese „interessante Arbeit“ erforscht, rechnen die Figuren im Roman der Strugatzkis wie in den zitierten Texten von Lem, Egan und Reynolds einem anonymen Urheber zu, der „das Universum“ heißt. Es gibt jedoch andere Texte, in denen die großräumige Beschaffenheit dieses Universums, das ja viel älter ist als jedes forschende Menschenbewusstsein, auf Spuren von Praxis abgesucht wird, die nicht von Menschen hinterlassen wurden. Wir könnten, wenn wir ins All hinausschauen und -horchen, Publikum nicht nur von Natur-, sondern von fremder Zivilisationsgeschichte sein. Der Autor Stephen Baxter hat ein solches Szenario in mehreren Büchern gestaltet, die von der Begegnung und dem Konflikt der ins All expandierenden Menschheit mit den außerirdischen „Xeelee“ handelt. Der Einsatz von doppelläufigen Kanonen, die zwei Singularitäten auf berechenbare Distanz kollidieren lassen, spült in den dort geschilderten Schlachten gewaltige Gravitationswellen durchs All und ist in Baxters Werk dabei nicht einmal das größte Wunder der waffenfähig gemachten „Geometrodynamik“ (wie man die Allgemeine Relativitästheorie nicht nur in Fachliteratur, sondern auch in der Fiktion nennt, um ihren Akzent auf der Wandelbarkeit der Raumzeitstruktur zu betonen).

Wo es Wellen gibt, kann man Empfangen und Senden

Die Xeelee-Serie weist gegenüber anderer Science Fiction über Gigantisches die Besonderheit auf, dass Baxter in ihr die Entstehung und Entwicklung lebender Systeme (also solcher, die sich vervielfältigen und dabei der Variation und der Selektion unterliegen, wie sie auch unsere Evolution bestimmt haben) als etwas im Kosmos relativ Häufiges postuliert. Als Trägerstruktur kann Leben bei ihm nicht nur unsere bekannte Teilchenmaterie in Anspruch nehmen, sondern auch Dunkle Materie, Quarks, alle Arten von Knick- und Bruchbesonderheiten der Raumzeit.

„Leben“ in diesem Sinn gibt es bei Baxter schon innerhalb der Planckzeitspanne nach dem Urknall. Viele Spezies, die bei ihm seither entstanden, hatten Einfluss auf das, was physikalisch insgesamt geschah – auf die Inflation des Kosmos, auf Symmetriebrüche und allerlei Phasenübergänge. Schauen und horchen nun Menschen in das so bearbeitete Universum hinaus, erleben sie gleichsam makrokosmische Street Art, letztlich: Kommunikation. Dass Gravitationswellen sich prinzipiell auch als Kommunikations- und Informationstransportmittel nicht grundsätzlich schlechter eignen als Radiowellen, hat nicht nur im Werk von Baxter Spuren hinterlassen. In der weltweit populären „Drei Sonnen“-Trilogie des chinesischen Ingenieurs und Romanciers Cixin Liu ist das ein wesentlicher Plot-Bestandteil. Als konkrete Machbarkeitsstudie zum selben Einfall darf man die im Juni 2018 publizierte Abhandlung „A Gravitational Wave Transmitter“ betrachten, deren Co-Autor (neben A. A. Jackson vom Lunar and Planetary Institute in Houston), der Physiker Gregory Benford, mit den zwischen 1977 und 1996 erschienenen Romanen seiner „Galactic Center Saga“ auch als ebenso streng logisch planender wie literarisch anspruchsvoller Science-Fiction-Autor in Erscheinung getreten ist.

Anschauung in Handlung, Theorie als ästhetische wie wissenschaftliche Praxis: Die Insel menschlichen Lebens und Bewusstseins im kosmischen Meer ist etwas Besonderes, selbst wenn es darin mehr und andere Arten von Leben und Bewusstsein geben sollte, als wir heute wissen. Vielleicht wird man uns und unsere Wissenschaft und Kunst eines Tages an ihren größtmöglichen Folgen bis weit ins All erkennen können. Dann gälte für uns, unsere Praxis und deren Praktika in potentiell unendlichem Kontext, was bei den Strugatzki-Brüdern steht: „Wir alle sind Praktikanten im Dienste der Zukunft. Alte und junge. Unser Praktikum dauert das ganze Leben lang, bei jedem auf seine Weise. Und wenn wir sterben, bewerten die Nachkommen unsere Arbeit und stellen das Diplom für die Unsterblichkeit aus.“

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