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Zukunftslabor Lindau 2019 : Ein Flüstern am Meer

So stellt sich ein Künstler zwei Neutronensterne vor der Verschmelzung vor.
So stellt sich ein Künstler zwei Neutronensterne vor der Verschmelzung vor. : Bild: M. Kornmesser

Alastair Reynolds war nicht der Erste, der diesen Befund im Zusammenhang mit Gravitationswellen narrativ veranschaulicht hat. Schon 1997 erzählte der Australier Greg Egan in „Diaspora“, einem Roman, der davon handelt, dass und wie die Menschheit sich von ihren physischen und sozialen Entstehungsbedingungen emanzipiert, von Observatorien, die in ferner Zukunft etwa ein Doppelsystem aus zwei Neutronensternen namens Lacerta G-1 beobachten. Das Szenario gibt Egan Anlass zu Schilderungen der „epistemischen Landschaft“ unserer Kosmologie, zu der zum Beispiel gehört, dass man Lacerta G-1 nicht direkt (optisch) beobachten kann, weil das Doppelding dafür zu klein und zu weit weg ist, aber auch nicht über Röntgenstrahlmessungen, weil die lokalen Reservoire von Staub und Gas, die zur Umwandlung in solche Strahlung verheizt werden müssen, längst verbrannt sind. Auch Radiosignale sind zu schwach, aber Gravitationswellen erlauben es, den allmählichen Schwund des Drehmoments zu studieren, das die beiden Neutronensterne daran hindert, einfach zusammenzustürzen.

Rund zehn Jahre vor Egan phantasierte Stanisław Lem in „Fiasko“ (1986) von einer Vorrichtung namens „Gracer“, die einen Kollapsar beschießen und so deformieren kann, dass er zwischen den Formen einer langen Scheibe und einer flachen Spindel schwingt, was enorme Gravitationseffekte erzeugt, die sich ein Raumschiff zunutze machen kann, in dem Menschen sitzen, die den Vorgang zwar technisch ausbeuten, ihn aber nur schwer fassen können. Denn ihre Vernunft ist, so Lem, „in der verschwindend geringen Gravitation der Erde entstanden“, weshalb sie von „Phänomenen um das Billionenfache größerer Kräfte“ überfordert sind; es sei denn, sie stützen sich auf die Physik, „eine Sammlung von Antworten auf Fragen, die wir der Welt stellen und die die Welt unter der Bedingung beantwortet, daß wir ihr keine anderen Fragen stellen – die nämlich, die der gesunde Menschenverstand herausschreit“.

Forschung verlangt eine besondere Art Heldenmut

Ein gutes Vierteljahrhundert älter als Lems Gedankenexperiment ist ein Versuch der Brüder Arkadi und Boris Strugatzki, die gesellschaftlichen Voraussetzungen fürs Sortieren der beiden von Lem benannten Fragesorten darzustellen. Im Roman „Praktikanten“ (1962) hat eine Raumstation den Platz und die Bahn des ehemaligen Asteroiden Eunomia eingenommen, „die einzige physikalische Station der Welt zur Erforschung der Graviation“, auf der „Kosmogoniker und Relativisten“ arbeiten, „fest wie Diamanten, klug, kühn, ich würde sogar sagen, tollkühn“, wie sie die griffige Übersetzung von Erik Simon feiert. „Der riesige Felsbrocken von zweihundert Kilometern Durchmesser war in den letzten paar Jahren im Laufe der Experimente fast völlig vernichtet worden. Von dem Asteroiden war nur ein loser Schwarm relativ kleiner Bruchstücke geblieben und eine Wolke kosmischen Staubes von siebenhundert Kilometern, schon ein wenig in die Länge gezogen von der Gezeitenkraft.“

Die enormen Energien, die da im Spiel sind, haben spektakuläre Folgen: „Wenn die erdnahen Observatorien jetzt einen aufflammenden neuen Stern mit seltsamen Spektrallinien entdeckten, erhob sich zuerst einmal die Frage, wo sich in diesem Moment die ,Eunomia‘ befand.“

Wer auf solchem Posten theoretische Praxis und praktische Theorie treibt, muss die Bereitschaft zur Entsagung mitbringen, was den Wunsch nach rascher Befriedigung der Neugier betrifft. Gesucht werden Leute wie jene Wissenschaftler, die damals, als der Roman „Praktikanten“ erschien und unter Science-Fiction-Interessierten Furore machte, in der Wirklichkeit mit Aluminiumbatzen versuchten, Gravitationswellen einzufangen. Die Geräte, die man dazu verwendete, waren sensibel genug, die Schwingungen von außerhalb des Testgeländes vorbeifahrenden Autos einzufangen, aber Gravitationswellen erkannten sie keine, weil deren Effekte eben nur ein Bruchteil so stark sind wie die etwa elektromagnetischer Ereignisse. Wer derlei hinterherjagt, braucht ein Gemüt wie die Leute auf der Station in „Praktikanten“, die, weil der Platz an Bord knapp ist, bei Überbelegung sogar in Aufzügen Quartier nehmen, bis ein Inspektor das moniert, woraufhin der Sprecher der Forschungsgruppe sagt: „Das ist aber auch was, im Fahrstuhl zu übernachten! Ja und, sollen sie warten, bis die Behörde den Bau einer neuen Station zu Ende bringt? Worüber kann sich denn jemand beschweren, der eine interessante Arbeit hat?“

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