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Podiumsdiskussion zum Tag X : „Der große Tag der Teilchenjäger“

Begeistert: Felicitas Pauss, David Gross, Martinus Veltman, Carlo Rubbia, George Smoot (v.l.) Bild: Ch. Flemming, Nobelpreisträgertagungen Lindau

Es scheint fast so, als hätten die Organisatoren des diesjährigen Nobelpreisträgertreffens bei der Planung bereits gewusst, wann der Tag X sein würde.

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          Es scheint fast so, als hätten die Organisatoren des diesjährigen Nobelpreisträgertreffens bei der Planung bereits gewusst, dass in dieser Woche die Entdeckung des Higgs-Teilchens verkündet wird. Mit diesen Worten eröffnete die österreichische Teilchenphysikerin Felicitas Pauss, die am Forschungszentrum Cern die internationalen Beziehungen koordiniert, die nachmittägliche Diskussionsrunde am Mittwoch. Nur noch wenige Plätze waren frei, jeder im Auditorium schien selbst vom Higgs-Fieber ergriffen und gespannt zu sein, wie die noblen Herren auf dem Podium die verkündeten Ergebnisse des Cern bewerten würden. Auf der Bühne hatten die Teilchenphysiker und Nobelpreisträger David Gross, Martinus Veltman, Carlo Rubbia und der Astrophysiker George F. Smoot Platz genommen. Als Überraschungsgäste hatte man per Videostream den Cern-Theoretiker John Ellis sowie Andreas Höcker vom Atlas-Experiment, Chiara Mariotti vom CMS-Experiment und Burkard Schmidt vom LHCb-Experiment am Cern eingeladen. Die vier Cern-Forscher bekamen spontanen Applaus aus Lindau für ihre sensationelle Entdeckung.

          Manfred Lindinger
          Redakteur im Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          “Carlo, du bist der Vater des Large Hadron Collider, wie fühlst du dich?“, fragte Pauss Rubbia, der von 1989 bis 1993 Generaldirektor des Cern war. Er hatte auch besonderen Grund, stolz zu sein, schließlich hatte der Entdecker der W- und Z-Bosonen der schwachen Wechselwirkung, bereits Anfang der achtziger Jahre die Idee für den LHC geboren, in dem Protonenstrahlen auf gewaltige Energien beschleunigt und frontal zur Kollision gebracht werden können. „Es ist ein großartiger Erfolg, der vielen tausend Wissenschaftlern zu verdanken ist, die an die Entdeckung des Higgs-Teilchens fest geglaubt haben.“ Die Natur sei gnädig gewesen, „dass man das Higgs-Teilchen jetzt in dem Energiebereich nachgewiesen hat, wo man es seit einiger Zeit entsprechend den Vorhersagen des Standardmodells vermutet hat - nämlich bei etwa 126 Gigaelektronenvolt, was der Masse von rund 130 Protonen entspricht.“ Man solle aber vorsichtig sein. „Noch sind die Ergebnisse vorläufig.“

          „Laufe mit einem Lächeln herum“

          David Gross würde lieber von einem Higgs als dem Higgs sprechen. „Wir kennen bislang nur die Masse und wissen, dass es sich um ein Boson handelt und wie das Teilchen zerfällt. Wir wissen nichts über dessen Spin und ob das Teilchen wirklich elementar, also unteilbar ist.“ Gross erinnerte an die Cooper-Paare in der Supraleitung. Diese hätten auch den Spin 0, bestünden aber bekanntlich aus zwei Elektronen, deren halbzahlige Spins entgegengesetzt gerichtet sind und sich deshalb aufheben. Aber natürlich würde er sich über die Resultate freuen, antwortete er auf Nachfrage. „Ich laufe schon den ganzen Tag mit einem Lächeln herum. Heute ist wirklich ein großer Tag für die Wissenschaft und für die Menschheit.“

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