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Nobelpreisträgertreffen : Polonaise der klugen Köpfe

Im Dreivierteltakt: Die Polonaise von Nachwuchswissenschaftlern und Nobelpreisträgern gehört zu den Lindauer Traditionen. Bild: Frank Röth

An diesem Samstag geht in Lindau das alljährliche Treffen junger Forscher und Nobelpreisträger zu Ende. Es gibt für angehende Wissenschaftler keine bessere Berufsberatung. Spätestens wenn die Band zu spielen beginnt und die Teilnehmer sich zur Polonaise formieren, weichen die Berührungsängste.

          Lindau hat keine Universität, aber mehr Nobelpreisträger als jede andere Stadt in Deutschland. Der Ausnahmezustand am Bodensee dauert genau eine Sommerwoche lang, seine sechzigste Auflage geht gerade zu Ende. Fern von ihren Alltagspflichten sollen in dem beschaulichen Ferienort die renommiertesten Wissenschaftler der Welt mit den größten Talenten in ihren Fächern ins Gespräch kommen - diese vor mehr als einem halben Jahrhundert geborene Idee hat nicht nur Charme, sondern auch eine ungebrochene Anziehungskraft: 59 Chemiker und Physiker, Mediziner und Physiologen, allesamt mit der wichtigsten aller Ehrungen für Wissenschaftler ausgezeichnet, sind dem Ruf nach Lindau gefolgt, außerdem 650 Studenten, Doktoranden und Postdoktoranden.

          Sebastian Balzter

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Grau sind die Bänder, an denen die Namensschilder der Nachwuchswissenschaftler baumeln, türkis die der Nobelpreisträger, größer soll der Unterschied zwischen den beiden Gruppen hier nicht sein. Die Berührungsängste müssen deshalb spätestens am Willkommensabend in der Lindauer Inselhalle schwinden, wenn die Band auf der Bühne den Dreivierteltakt von „Wien bleibt Wien“ vorgibt. Links von den fünf Musikern reihen sich die Damen auf, rechts die Herren, denen noch schnell rote Nelken zugesteckt werden. Denn in der Mitte trifft man sich zum Unterhaken, dann beginnt die gemeinsame Polonaise kreuz und quer durch den Saal - eines von vielen Lindauer Markenzeichen.

          Auch Maike Müller hat sich vom Zufall einen Tanzpartner samt Blume bescheren lassen. Es hätte ein Nobelpreisträger sein können, der amerikanische Chemiker Peter Agre etwa stürzt sich mit Eifer ins Getümmel. „Ich hatte nie einen Tanzkurs“, gesteht die 26 Jahre alte Doktorandin aus dem Ruhrgebiet nachher. Das ließ sich dem jungen Chemiker, der schließlich an ihrer Seite landete, vermutlich einfacher vermitteln als dem Entdecker der Wasserkanäle in der Zellmembran.

          Wenn hier jemand einen Job für mich hat, dann schau'n wir mal: Maike Müller promoviert in Bochum und macht sich in Lindau über ihre berufliche Zukunft Gedanken

          Müller selbst arbeitet im Labor der Ruhr-Universität in Bochum an der Synthese von Nanopartikeln, Lindau kannte sie noch vor einem halben Jahr kaum vom Hörensagen. Jetzt ist sie mittendrin: Beim Abendessen sitzt sie dem Physiker Peter Grünberg schräg gegenüber, dessen Forschungsergebnisse heute in fast allen Computerfestplatten genutzt wird.

          „Es geht hier weniger um fachlichen Input für mein eigenes Thema, sondern um neue Ideen und Kontakte“, formuliert sie ihre Erwartungen. Ihr Doktorvater habe sie für die Tagung vorgeschlagen, er selbst war einst Schüler von Gerhard Ertl, dem Doyen der Disziplin. „Aus der Ferne habe ich Ertl auch schon gesehen“, berichtet sie. Ob sie selbst wie er den Nobelpreis anpeilt? „Eine Hochschulkarriere habe ich mir nicht vorgenommen“, erwidert Müller spontan. „Das wäre mir wohl zu speziell.“

          Im nächsten Frühjahr will sie ihre Doktorarbeit abgeben. Ob sie danach in der Industrie eine Stelle sucht, sich bei einem Verlag oder einer Stiftung bewirbt oder doch ein Forschungsprojekt an einer Hochschule im Ausland ansteuert, ist noch offen. „Und wenn hier jemand einen Job für mich hat - dann schau'n wir mal.“

          Im Idealfall profitieren auch die Wissenschaftler

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