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Nobelpreisträgertagung Lindau : Gedankenexperimente über den Menschen

Die Inselhalle von Lindau, Tagungsort der Lindauer Nobelpreisträgertagung. Bild: Julia Nimke

Genschere und Zukunftsethik: Wie viel Fantasie ist sinnvoll für die Next-Generation-Medizin? Eine Podiumsdiskussion mit Laureaten über Embryo-Design, Ernährung und die Grenzen der Forschung.

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          Wie über die Zukunft reden, wenn der Horizont von Mauern umstellt ist? Christiane Nüsslein-Volhard, Medizin-Nobelpreisträgerin von 1995 und eine der angesehensten Genforscherinnen weltweit, hat sich festgelegt: Revolutionen ja, Genomzeitalter gut und schön, und dennoch müsse sich der Mensch mit Phantasmen, mit denen sich Ethiker, Juristen und Philosophen spätestens seit der Geburt der „CRISPR-Zwillinge“ in China vor drei Jahren beschäftigen, nicht groß herumschlagen. „All diese Leute mit ihren Gedankenexperimenten, so funktioniert die Genetik des Menschen einfach nicht.“

          Joachim Müller-Jung
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Die Sache ist nur die: Das interessierte Volk macht sich just dieselben Gedanken: Designerbabys, Optimierung des Körpers, generationenübergreifende Genveränderungen („Keimbahntherapien“) – könnte darauf am Ende vielleicht doch hinauslaufen, was Nüsslein-Volhard und mit ihr viele andere Naturwissenschaftler am liebsten nur mit Blick auf das derzeit Machbare in der Forschung und Medizin diskutiert sehen würden? Die Münchener Medizinethikerin Alena Buyx, seit einiger Zeit zudem Vorsitzende des Deutschen Ethikrates, vertrat diese sorgenvolle Masse der Fragesteller jedenfalls vehement: „Wir müssen doch darüber diskutieren und vorsichtig kommunizieren, was den Menschen Sorgen bereitet.“

          Der Zeitpunkt dafür war in Lindau in der Tat noch nie so günstig. Im Herbst 2020, nur ein paar Monate vorher also, wurde Emmanuelle Charpentier vom Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie und der Amerikanerin Jennifer Doudna der Chemie-Nobelpreis zugesprochen. Die von ihnen entwickelte „Genschere“ CRISPR-Cas, eines der präzisesten molekularen Werkzeuge zur gezielten Veränderung der DNA im Erbgut, gilt unstrittig als eines der machtvollsten Instrumente der modernen Biotechnik und Biomedizin. Immer wieder war es auch in Lindau Thema. In kürzester Zeit war es selbst in den Laboren von Nobelpreisträgern, die sich bis dahin kaum mit Gentechnik beschäftigt hatten, weltweit zum Renner geworden. Doudna fehlte in Lindau, doch Emmanuelle Charpentier hatte sich nach ihrem Antrittsvortrag noch am Eröffnungstag gleich danach ein zweites Mal in die Lindauer Gendebatte eingebracht.

          Podiumsdiskussion zu Gen-Editing mit Emmanuelle Charpentier, Christiane Nüsslein-Volhard,  Julia Jansing, Alena Buyx und Moderator Adam Smith.
          Podiumsdiskussion zu Gen-Editing mit Emmanuelle Charpentier, Christiane Nüsslein-Volhard, Julia Jansing, Alena Buyx und Moderator Adam Smith. : Bild: Christian Flemming

          Die Podiumsdiskussion mit Nüsslein-Volhard und Buyx, an der sich außerdem die Deutscher-Studienpreis-Preisträgerin Julia Jansing beteiligte, eine junge Biotechnologin von der Universität Maastricht, profitierte denn auch gewaltig von dem molekularen Know-how der Genscheren-Pionierin. Mehr Klarheit darüber allerdings, wo die wissenschaftliche Community in den kritischen Fragen des Gen-Editing steht, war angesichts der Interventionen der resoluten Entwicklungsgenetikerin Nüsslein-Volhard kaum zu gewinnen.

          Einerseits warnte auch Charpentier vor uneinlösbaren Utopien. Andererseits schloss sie in ihren visionären Anwandlungen nahtlos an eine andere Podiumsdiskussion mit den beiden Chemikern Aaron Ciechanover (Nobelpreis 2004) und Ben Feringa (Nobelpreis 2016) an, die in ihrer Debatte mit dem Nachwuchs zur „Next-Generation-Medizin“ die Genschere als entscheidenden Baustein einer revolutionären „kanonischen Medizin“ feierten. „Lange haben wir Krankheiten behandelt, künftig werden wir den Menschen ganz individuell und maßgeschneidert nach seinen molekularen Bedürfnissen behandeln“, frohlockte der Israeli Ciechanover.

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