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Israel : Kleines Land, große Medizin

  • -Aktualisiert am

Medizinische Hochtechnologie: Mit rund 4,25 Prozent seines BIPs investiert Israel anteilsmäßig mehr in seine Forschung und Entwicklung als alle anderen Länder. Bild: Picture-Alliance

Israel entwickelt sich immer mehr zum internationalen Vorbild in der Gesundheitsforschung. Der Schlüssel zum Erfolg ist nicht zuletzt Big Data. Kommt das dem Patienten wirklich zugute?

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          Die großen Industrienationen als die großen Vorreiter der Forschung – das war die längste Zeit für viele ein ungeschriebenes Gesetz. Die Folge: bessere Bildung, größere Innovationen und ergo eine effizientere Medizin. Dass dieses Bild veraltet ist, bemerkt man spätestens, wenn man Israel genauer unter die Lupe nimmt. An wenigen Orten auf der Welt sind die Menschen statistisch gesehen so gesund, nahezu nirgendwo haben sie bessere Chancen, vom Arzt geheilt zu werden. Im „Bloomberg Global Health Index“, der den Gesundheitszustand von 160 verschiedenen Ländern vergleicht, belegt Israel den neunten Platz – und ist damit um sieben Plätze „gesünder“ als Deutschland. Mit einem durchschnittlichen Alter von 82,4 Jahren werden die Menschen in Israel rund anderthalb Jahre älter als hierzulande.

          Dass das auch an den medizinischen Standards liegt, spiegelt sich besonders am Beispiel Krebs. Die Überlebensraten in Israel sind überdurchschnittlich: Für Brustkrebs 87 Prozent, für Enddarmkrebs 70 Prozent und für Darmkrebs 68 Prozent. Bei diesen Krebsarten liegen die Überlebenschancen in Deutschland jeweils rund zwei, acht beziehungsweise drei Prozentpunkte zurück.

          Der Schlüssel zu Israels Gesundheitsboom

          Hinter diesen Ergebnissen steckt ein Staat, der viel in die Forschung investiert. Im letzten Jahr hat Israel mit rund 4,25 Prozent seines Bruttoinlandproduktes anteilsmäßig mehr in seine Forschung und Entwicklung investiert als alle anderen Länder. Damit übertrifft das Land den OECD-Durchschnitt von 2,3 Prozent bei weitem. Selbstverständlich geht nicht der gesamte Anteil der Förderung in die Medizinforschung. Doch vielleicht ist gerade das der Schlüssel zu Israels Gesundheitsboom: Das Ineinandergreifen von Forschung, Technologie und Wirtschaft.

          Mit rund 6000 Start-ups gibt es in Israel, gemessen an der Bevölkerungszahl, die meisten Start-ups der Welt. „Israel ist fortschrittlich in der Technologieentwicklung. Die Innovationen werden stark für die medizinische Forschung und die Gesundheitsversorgung genutzt“, sagt Avram Hershko, israelischer Chemie-Nobelpreisträger von 2004, am Rande des Nobelpreisträgertreffens in Lindau. Von den Start-ups konzentrieren sich 560 auf die Bereiche digitale Gesundheitsversorgung und Pharmaindustrie. Das schlägt sich auch in der Wirtschaft nieder: Sowohl Medikamente als auch Elektronik machten im vergangenen Jahr jeweils mehr als zehn Prozent der Gesamtexporte des Landes aus.

          Avram Hershko, Chemie-Nobelpreisträger von 2004, sagt: „Ich denke, gesund zu sein ist wichtiger, als unsere Privatsphäre zu schützen.“ Bilderstrecke
          Avram Hershko, Chemie-Nobelpreisträger von 2004, sagt: „Ich denke, gesund zu sein ist wichtiger, als unsere Privatsphäre zu schützen.“ :

          Der Grund für Israels rasante Entwicklung liegt in Hershkos Augen aber vor allem in der Bildung. Zum einen habe das Land gute Schulen und Universitäten. Aber besonders die internationale Ausrichtung der Forschung führe zu einer fortschrittlichen medizinischen Infrastruktur: „Israel muss Verbindungen zur Außenwelt entwickeln, weil es ein kleines Land ist. Fast jeder Postdoktorand aus Israel geht für ein paar Jahre zu Forschungszwecken ins Ausland. Ein großes Land, wie zum Beispiel die Vereinigten Staaten, ist darauf nicht so angewiesen wie wir. Deshalb haben wir von Anfang an einen Einblick in die Wissenschaft anderer Länder. Davon profitiert unsere eigene Forschung.“

          Datenspeicherung mit System

          Das gewonnene Wissen wird in Israel zudem in ein anderes System transferiert, als wir es kennen. Während in Deutschland ärztliche Versorgung, Krankenkassen und Forschung vorwiegend getrennt voneinander sind, fallen diese Einrichtungen in Israel unter ein Dach. Beispiel Clalit: Die israelische Krankenkasse versichert nicht nur etwa die Hälfte der gesamten Landesbevölkerung. Sie ist auch Inhaber zahlreicher Krankenhäuser, Apotheken und Labore.

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