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Grüne Gentechnik : „Greenpeace hat versagt“

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Schon vor zwei Jahrzehnten ging Greenpeace wie hier im südhessischen Riedstadt mit massiven Einschüchterungskampagnen gegen die Wissenschaft vor. Bild: dpa

Eine weltweite Initiative von Nobelpreisträgern soll die Gentechnik als Schlüsseltechnik für die Welternährung rehabilitieren. Sir Richard Roberts geht es vor allem um die Ärmsten. Und die moralischen Verirrungen von Anti-Gentechnik-Aktivisten.

          Auf der 68. Nobelpreisträgertagung in Lindau ging es neben der Gesundheit auch um ein Zukunftsthema, das nicht nur Medizin-Nobelpreisträger bewegt: Pflanzenzucht mit Hilfe der Gentechnik. Der Brite Sir Richard-Roberts hat schon vor einiger Zeit eine Kampagne der Lauraten gestartet, die für die Unterstützung der Hightechmethoden aus den Biotech-Labors wirbt (siehe Artikel hier).

          Wir haben Roberts am Rande des Lindauer Treffens zu dem gesellschaftlich-politischen Projekt befragt.

          Professor Roberts, Sie kämpfen seit drei Jahren vehement gegen Greenpeace und andere Gentechnik-Gegner. Was hat Sie in diese Rolle als Anwalt genetisch modifizierter Pflanzen, der GMOs, gebracht?

          Ich war zum 80. Geburtstag eines guten Freundes eingeladen, der maßgeblich an der Entwicklung von GMOs beteiligt war. Viele anwesende Pflanzenbiologen sprachen über die schwierigen Arbeitsbedingungen in Europa aufgrund der massiven Anti-GMO-Propaganda von Greenpeace und anderen. Darüber, dass sie sich öffentlich nicht äußern könnten, weil sie umgehend diskreditiert würden.

          Sir Richard Roberts, Medizin-Nobelpreisträger 1993

          Wer für die Agrarindustrie arbeite, sei automatisch unglaubwürdig. Ich habe mich gefragt, ob es nicht möglich ist, die Fehlinformationen von Greenpeace zu korrigieren. Deren Anti-GMO-Haltung richtet in Entwicklungsländern Verheerendes an. Bei diversen Vorträgen habe ich gemerkt, dass die Stimme eines Nobelpreisträgers Gewicht hat, und so habe ich angefangen, andere Laureaten für die Sache zu gewinnen.

          Wie können GMOs Entwicklungsländern helfen?

          In vielen dieser Länder müssen Menschen ihre Nahrung anbauen. Sonst haben sie nichts zu essen, Supermärkte existieren nicht. Auf ihrem bisschen Land sollten sie die ertragreichsten Pflanzen anbauen dürfen. Gentechnik ist die fortschrittlichste Methode der Pflanzenzucht. Wir verkürzen den Zuchtprozess, der bei konventioneller Zucht gut zwanzig Jahre dauern kann, auf wenige Jahre, und er ist außerdem deutlich präziser: Wir wählen bestimmte Gene mit bestimmten Eigenschaften aus, fügen sie gezielt ein und kontrollieren das Ergebnis. Wenn Sie ein Auto haben, das fünf Kilometer pro Stunde fährt und eines, das fünfzig Kilometer die Stunde fährt, welches wählen Sie dann, um von A nach B zu kommen?

          Können Sie ein Beispiel nennen, wo Gentechnik der traditionellen Pflanzenzucht überlegen ist?

          In Uganda sind Bananen ein Hauptnahrungsmittel und durch eine bakteriell verursachte Welk-Krankheit bedroht. Traditionelle Zuchtmethoden helfen nicht weiter, weil es keine natürliche Resistenz gibt. Den dortigen Forschern ist es gelungen, resistente Bananen zu züchten, die ein Paprika-Gen in sich tragen. Die Farmer wollen die Bananen anpflanzen, sie sind aber nicht zugelassen, weil die dortige Regierung unter dem Einfluss von Anti-GMO-Propaganda steht. Wenn wir in Europa solche Lebensmittel nicht essen wollen, ist das in Ordnung. Wir haben die Wahl. Andere Länder haben diese Wahl aber nicht. Wenn Entwicklungsländer keine GMOs anbauen, wird die Zahl der Hungersnöte steigen. Und damit die Zahl der Migranten vor den Toren Europas.

          Und die Risiken von GMOs?

          Welche Risiken? Greenpeace behauptet seit mehr als zwanzig Jahren, dass es Risiken geben könnte. Wohlgemerkt, sie nutzen den Konjunktiv. Nicht ein einziges Ereignis konnte nachgewiesen werden. Alle seriösen wissenschaftlichen Einrichtungen befürworten GMOs, Millionen von Menschen essen sie, Milliarden Tiere. In Europa tragen wir alle Baumwollkleidung aus solchen Pflanzen und nehmen Medikamente zu uns, die von GMOs hergestellt wurden. Greenpeace hat noch nie Diabetiker dafür verurteilt, dass sie gentechnisch erzeugtes Insulin spritzen. Keine Frage, Greenpeace macht in vielen Bereichen einen tollen Job. Aber bei diesem Thema versagen sie vollständig.

          Titelbild der F.A.Z.-Beilage „Zukunftslabor Lindau“.

          Warum diese Stimmungsmache, wenn es aus wissenschaftlicher Sicht keine Bedenken gibt?

          Greenpeace hat die Anti-GMO-Kampagne erfolgreich mit einer Kampagne gegen Großkonzerne wie Monsanto vermischt. Das hat ihnen viele Spenden eingebracht und politische Macht. Mittlerweile ist daraus eine Ideologie geworden. Menschen haben Angst vor Gentechnik, zumindest solange es um Nahrungsmittel geht.

          Warum gelingt es Wissenschaftlern nicht, ihnen die Angst zu nehmen?

          Zum einen sind viele Wissenschaftler nicht darin geübt, mit der Öffentlichkeit zu kommunizieren, und reden oft über Fakten. Aber viele Menschen sind mit wissenschaftlichen Fakten überfordert. Meinen Studenten gebe ich den Großmuttertest auf: Sie sollen ihrer Großmutter erklären, woran sie arbeiten. So gut, dass sie es versteht und ihren Freundinnen erzählen kann. Wissenschaftler sind außerdem nicht so gut organisiert wie Greenpeace, und finanziell sind sie nicht so gut ausgestattet. Wir können keine so eindrucksvolle Öffentlichkeitsarbeit leisten.

          Wissenschaftler engagieren sich selten politisch. Welche Erfahrungen haben Sie damit gemacht?

          Von Kollegen bekomme ich häufig ein positives Feedback. Ich habe 132 Nobelpreisträger überzeugen können, den offenen Brief zu unterschreiben. Auch viele Politiker zeigen sich interessiert. Sie wollen in der Regel aber das Risiko nicht eingehen, Wähler zu verlieren, indem sie sich öffentlich positionieren. Ich habe mehrfach versucht, mit Greenpeace zu reden, aber sie weigern sich.

          Was wollen Sie mit Ihrer Kampagne erreichen?

          Ich mache so lange weiter, bis Greenpeace öffentlich erklärt, dass es ein Fehler war, GMOs zu verteufeln. Und ich möchte versuchen, den Papst für meine Kampagne zu gewinnen. Das würde helfen.

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