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Zukunftslabor Lindau : Das Potential der inneren Uhr

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Folgen unregelmäßiger Schlafzeiten

Auch die Schulleistungen sind am frühen Morgen schlechter, weil Jugendliche ausgeprägte Eulen sind“, sagt Weeß. Bei der Behandlung von Schlafstörungen sei die Kenntnis des Chronotyps von zentraler Bedeutung. Jedes Organ hat eigene Uhren, die tageszeitlich verschieden ticken. So ist etwa die Bauchspeicheldrüse mit der Insulinproduktion zu ganz anderen Zeiten aktiv als das Fettgewebe, wenn es Fette speichert. Die Uhren sind miteinander vernetzt und bringen sich in einen Gleichklang. „Unregelmäßige Schlafenszeiten bringen dieses harmonische Spiel empfindlich durcheinander“, sagt Weeß. „Sie könnten zum Beispiel erklären, warum Schichtarbeiter oft übergewichtig sind oder warum manche Kinder nicht richtig wachsen, denn bei unregelmäßigen Schlafenszeiten wird weniger Wachstumshormon ausgeschüttet.“

Nobelpreisträger Michael Young: Er entdeckte ein zweites Gen für den zirkadianen Rhythmus, das Timeless-Gen. Ist der Name Programm?
Nobelpreisträger Michael Young: Er entdeckte ein zweites Gen für den zirkadianen Rhythmus, das Timeless-Gen. Ist der Name Programm? : Bild: dpa

Mit Schuld an vielen Krankheiten könne der moderne Lebensstil sein, so Nobelpreisträger Rosbash. „Im Dunkeln arbeitet die innere Uhr wie programmiert und sie arbeitet auch gut in einem regelmäßigen Wechsel zwischen hell und dunkel“, sagt er. „Aber wenn wir wenig schlafen und uns ständig künstlichem Licht aussetzen – vor allem dem blauen Computerlicht – gerät die innere Uhr durcheinander, der Zyklus von Per funktioniert nicht mehr richtig, und es kann zu diversen Veränderungen im Stoffwechsel kommen.“ Störungen der inneren Uhren scheinen auch das Risiko für psychische Krankheiten zu erhöhen. Eine der größten Studien mit mehr als neunzigtausend Teilnehmern wurde kürzlich von Forschern der Universität Glasgow publiziert. Diejenigen, die während Ruhezeiten aktiv waren und/oder am Tage ruhten, erkrankten häufiger an Depressionen oder bipolaren Störungen.

Macht Schlafmangel depressiv?

Wie aktiv die Probanden Tag und Nacht waren, wurde mittels eines Beschleunigungssensors am Handgelenk registriert – damit war die Studie aussagekräftiger als frühere, in denen die Teilnehmer selbst angaben, wie aktiv sie waren. „Wir haben immer mehr Hinweise, dass Störungen der inneren Uhr ursächlich für psychische Krankheiten verantwortlich sein können“, sagt Robert Perneczky, Psychiater von der LMU in München. Nachgewiesen ist etwa, dass genetische Varianten des Clock-Gens beim Menschen zu manisch-depressivem Verhalten führen können. Medikamente gegen Depressionen oder Schizophrenie können gestörte Rhythmen wieder synchronisieren. In der Glasgower Studie zeigten diejenigen mit gestörtem Tag-Nacht-Rhythmus längere Reaktionszeiten. „Wir sehen bei vielen Menschen mit gestörter Hirnfunktion wie Alzheimer-Patienten Störungen des Tag-und-Nacht-Rhythmus“, sagt Perneczky. Typisch ist das „Sundowning“: Am Abend werden die Betroffenen unruhig, laufen umher, sind nervös und können nicht schlafen. Bei Alzheimer wird unter anderem das Nervengebiet im Hirn geschädigt, in dem sich die innere Uhr befindet.

Tipps zum besseren Schlafen gehören bei dem Psychiater zur Standardtherapie. Schichtarbeitern rät er, entweder nachts oder tags zu arbeiten, nicht aber im Wechsel. Kommt zusätzlicher Stress hinzu, erhöhe das das Risiko für psychische Krankheiten. „Hatte man selbst oder jemand in der Familie schon mal psychische Krankheiten ist das umso wichtiger“, sagt der Psychiater. Lichttherapie oder Schlafentzug kann bei Depressiven die inneren Uhren wieder in Einklang bringen, und beim Sundowning hilft, wenn die Betroffenen tagsüber körperlich aktiv sind, man sie geistig stimuliert und gegen Abend für ruhige Umgebung sorgt. „An die Politik sind die Erkenntnisse über die innere Uhr ein klares Signal“, sagt Perneczky. „Durch weniger Schichtarbeit und Wohngebiete, wo man dunkel und ruhig schlafen kann, ließen sich viele psychische Leiden vermeiden.“

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