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Tagung der Nobelpreisträger : Ein unrealistisch optimistischer Blick auf das Klima

Lindauer Kernanliegen: 2015 verabschiedeten Laureaten im Rahmen der Tagung der Nobelpreisträger die „Mainauer Deklaration“ zum Schutz des Klimas. Bild: C. Flemming/Lindau Nobel Laureate Meetings

Im Rahmen der „Online Science Days“ trafen sich in diesem Jahr Nobelpreisträger und Nachwuchsforscher in digitaler Form – und diskutierten unter anderem die Herausforderungen des Klimawandels.

          3 Min.

          Es hätte in diesem Jahr ein besonderes Treffen in Lindau werden sollen. Zur 70. Tagung der Nobelpreisträger mit interdisziplinärer Ausrichtung hatten sich rund 70 Laureaten und mehr als 600 Nachwuchswissenschaftler angekündigt. Covid-19 zerstörte die Jubiläumsplanung, ermöglichte gleichzeitig aber ein interessantes Experiment: Unter dem Titel der „Online Science Days“ fand die Tagung auf einer Online-Plattform statt, mit ähnlichen Formaten wie die Ursprungstagung und der Möglichkeit der digitalen Diskussion. Die so oft beschworene besondere Lindauer Atmosphäre, die sich nicht unerheblich auch aus dem informellen Austausch im Zuge zufälliger Begegnungen der Wissenschaftler untereinander speist, konnte auf diese Weise zwar nicht ersetzt werden, gleichzeitig stand dieses Format aber ganz wunderbar im Einklang mit einem Thema, das als wichtiges Anliegen der Nobelpreisträger die Tagung bereits seit vielen Jahren prägt: Dem Klimaschutz wurde durch den Verzicht der Anreise aus den etwa hundert über den gesamten Globus verteilten Herkunftsländern der Wissenschaftler ein nicht ganz zu vernachlässigender Dienst erwiesen.

          Sibylle Anderl

          Redakteurin im Feuilleton.

          Auch in den Diskussionen wurde die Sorge um die Zukunft unseres Planeten wiederholt thematisiert; außerdem hatten vor der Digitaltagung im Rahmen eines 48-stündigen „Sciathons“, einer digitalen Gruppenarbeit in Wettbewerbsform, Nachwuchswissenschaftler und Lindau-Alumni unter anderem Konzepte für eine bessere Kommunikation des Klimawandels erarbeitet.

          Covid-19 und der Klimaschutz

          Mit dem Physiknobelpreisträger und ehemaligen Energieminister der Vereinigten Staaten Steven Chu und seinem Fachkollegen Brian Schmidt, der 2015 Sprecher der Mainau-Deklaration zum Klimawandel gewesen war, waren bei dem Online-Treffen zwei engagierte Advokaten des Klimaschutzes zugegen. In ihrem Gespräch über die politische Diskussion des Klimawandels gingen sie auch auf die möglichen Folgen der Covid-19-Pandemie ein.

          Die digitale Zusammenarbeit über Distanzen hinweg sei durch die Krise zwar gefördert worden, sagte Brian Schmidt. Sein CO₂-Fußabdruck als in Australien lebender Wissenschaftler habe sich dadurch dramatisch verkleinert, die wirkliche Herausforderung werde aber die zu erwartende globale Rezession sein, durch die die Bereitschaft, in Zukunftstechnologien zu investieren, mutmaßlich geschwächt werde. Denn auch wenn diese Technologien mittelfristig ökonomisch höhere Gewinne versprächen, sei das Denken in den Unternehmen zu kurzfristig ausgerichtet. Steven Chu hob zudem hervor, dass man aus der Reaktion auf die Pandemie auch einiges über die Klimakrise lernen könne: „Wir haben in der Covid-Krise mit hundertfacher Geschwindigkeit gesehen, was wir, wie ich fürchte, auch in der Klimakrise sehen werden.“ Der amerikanische Präsident ignorierte Expertenempfehlungen, aus dem Klammern an die Hoffnung, dass die Warnungen falsch seien, resultierte ein unrealistisch optimistischer Blick.

          Globale Natur der Krise

          Beide Nobelpreisträger betonten immer wieder, dass die größte Herausforderung in der globalen Natur der Krise liege. Wenn nur ein Teil der Erde sich dem Klimaschutz verschreibe, dann werde es für einen anderen Teil gerade ökonomisch vorteilhaft, dies nicht zu tun. Insgesamt sei dann wenig gewonnen. Zusätzlich zur Einführung einer CO₂-Steuer brauche man auch Änderungen des Verhaltens der Menschen, so Chu: „Doch der größte Teil der weltweiten Öffentlichkeit sieht nur ungern die Gefahr, die viele von uns, die wir das Problem seit Jahrzehnten verfolgen, alarmiert hat.“

          Die daran anschließende Frage, wie wissenschaftliche Erkenntnisse im Umkreis des Klimawandels effizient kommuniziert werden können, diskutierten Schmidt und Chu zusammen mit dem Chemie-Nobelpreisträger Mario Molina, der Klimaforscherin Levke Caesar und dem Generalsekretär der Volkswagen-Stiftung, Georg Schütte. In einer Atmosphäre, in der das Klimathema hochgradig politisiert sei, komme es darauf an, Vertrauen aufzubauen und auch vor der Kommunikation auf der Ebene persönlicher Geschichten nicht zurückzuschrecken, so Chu, auch wenn das vielen Wissenschaftlern nicht sehr naheliege. Ohnehin sei es in der Beurteilung wissenschaftlicher Klimakommunikation wichtig, zwischen der Rolle des Wissenschaftlers und der des Kommunikators zu unterscheiden, gab Caesar zu bedenken. Denn, da waren sich alle einig: Im Kampf gegen nicht selten strategisch verbreitete Missinformation müssen neue Strategien gefunden werden. Ein zentrales Problem in diesem Zusammenhang brachte Brian Schmidt auf den Punkt: „Man muss ziemlich viel wissen, um zu zeigen, dass etwas falsch ist. Dagegen ist es wirklich einfach, sich Dinge auszudenken.“

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