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Lindau 2017 : Buchstaben zu Gold

Der Zauberlehrling: Daniel Radcliffe als der junge Harry Potter. Bild: dpa

Die Alchemie ist so alt wie die Schrift. In unserer Kultur hat sie tiefe Spuren hinterlassen. Trotzdem war sie nach der Blüte im Mittelalter verpönt. Dann kam Harry Potter.

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          Eigentlich ist der Knabe viel zu jung, um dem Stein der Weisen nachzujagen, und tatsächlich kommt der Elfjährige dabei nur knapp mit dem Leben davon. Allerdings kann er sich nicht lange am Besitz des magischen Gegenstands freuen – sein weiser Mentor nimmt ihm den Stein ab und zerstört ihn, übrigens im Einvernehmen mit dem Alchemisten Nicolas Flamel, der ihn vor Jahrhunderten erschaffen und durch ihn wiederum eine Substanz erzeugt hatte, die ihm dieses biblische Alter überhaupt ermöglichte. So steht es in „Harry Potter und der Stein der Weisen“, dem ersten Band der Zauberschülerserie von Joanne K. Rowling, der vor zwanzig Jahren, am 26. Juni 1997, in einer Auflage von nur 500 Exemplaren im englischen Original erschienen ist.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Dass wir mit der Alchemie noch lange nicht fertig sind, zeigt nicht nur Rowlings Überführen zahlreicher Elemente aus dieser Sphäre in ihre Romanreihe – den Alchemisten Nicolas Flamel beispielsweise hat es wirklich gegeben, er lebte um 1400 in Paris. Auch sonst hat die alchemistische Tradition tiefe Spuren in unserer Kultur hinterlassen: in der Literatur, besonders in der Schwarzen Romantik des neunzehnten Jahrhunderts, in zahlreichen Werken der bildenden Kunst, deren Urheber sich fasziniert zeigten von der bildhaften Seite dieser okkulten Gedankenwelt oder auch von den Hexenmeistern selbst, und nicht zuletzt in der Geschichte der Naturwissenschaft, die bis etwa um die Wende zum neunzehnten Jahrhundert von der Alchemie kaum sauber zu trennen war.

          Alchemie zielt auf Umwandlung von Materie

          Ihre Anfänge reichen zurück bis ins alte Ägypten, lange bevor der arabische Begriff „Alchemie“ geprägt wurde, und ihrem Wesen nach zielt sie auf die Umwandlung von Materie ab: Aus einer alltäglichen oder unerwünschten Substanz soll eine besondere und gewünschte entstehen oder wenigstens – wie in Ägypten, wo gefärbtes Glas hergestellt wurde, das Lapislazuli gleicht – etwas, das optisch und haptisch von dem gewünschten Stoff nicht zu unterscheiden ist.

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          Das war niemals nur ein Handwerk, auch wenn das Handwerk naturgemäß dazugehört, damit die Prozedur erfolgreich ist. Elementar war eine Art Überbau aus Ritualen und Vorstellungen von der Beschaffenheit des Kosmos. So wurde die Lehre von der Entsprechung zwischen Mensch und All, zwischen Mikrokosmos und Makrokosmos, den angestrebten Transformationen zugrunde gelegt und in zahlreichen alchemistischen Lehrwerken dargestellt.

          Großes Interesse rief Betrüger auf den Plan

          Aus einem Urstoff, der „Materia prima“, galt es, durch eine Reihe von aufeinanderfolgenden Manipulationen die „Materia ultima“ zu erzeugen, die wiederum für praktisch jedes Heilsversprechen vom Reichtum bis zum ewigen Leben herhalten sollte und dem Stein der Weisen entspricht.

          Je populärer aber diese Vorstellung wird, umso lauter werden auch die Warnungen, auf dieser Suche die eigene bürgerliche Existenz zu gefährden, sei es, weil man sich Betrügern anvertraut und dabei seine Habe einbüßt oder weil man keine Energie mehr auf die Erwerbstätigkeit richtet – nicht jeder alchemistisch bewegte Fürst profitierte von einer entsprechenden Versuchsreihe in derselben Weise wie der Sachsenkönig August der Starke von der Werkstatt Johann Friedrich Böttgers, der Gold machen sollte und bekanntlich eine Methode zur Porzellanherstellung erfand.

          Frühere Anhänger distanzierten sich

          Trotz der Träume vom Stein der Weisen geht es der Alchemie allerdings nicht darum, etwas prinzipiell Neues zu erzeugen. Alchemistische Manipulationen zielen darauf ab, natürliche Prozesse zu kontrollieren und zu beschleunigen, und stehen auch daher in einer Tradition, die bis zur heutigen Materialforschung reicht. Dass aber alchemistische und naturmagische Vorstellungen mit der Aufklärungszeit keineswegs an ihr Ende gekommen waren und dass gerade Naturforscher dieser Zeit dafür anfällig waren, zeigen etwa die rosenkreuzerischen Aktivitäten von Georg Forster und seinem Freund Samuel Thomas Soemmering, die in Kassel zum einen als Naturwissenschaftler und Hochschullehrer wirkten, zum anderen ein geheimes Labor unterhielten, wo sie versuchten, die Prima Materia unter anderem aus menschlichen Exkrementen zu destillieren.

          Georg Forster sollte später nur noch schamerfüllt von dieser Zeit sprechen, und im neunzehnten Jahrhundert entstanden neben Werken, die – wie E. T. A. Hoffmanns „Der goldene Topf“ – in der Vorstellung von einer ursprünglichen umfassenden Einheit der Welt und, daraus resultierend, einer beliebigen Wandelbarkeit der Stoffe schwelgten, auch solche wie Theodor Storms Märchen „Hinzelmeier“, die exakt vor den Folgen dieser Weltabkehr warnen.

          Die traditionelle Alchemie ist heute wohl nur noch dort anzutreffen, wo sie seit jeher ihre größten Wirkungen erzielte, als Gegenstand für die Künste. Wenn es aber darum geht, mit ihrer Hilfe durch die Umwandlung von Materie tatsächlich Gold zu machen, dann müsste man die „Harry Potter“-Autorin Joanne K. Rowling als große Alchemistin bezeichnen: Sie verwandelte Buchstaben in ein Vermögen von mehreren hundert Millionen Euro.

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