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Nobelpreisträgertagung Lindau : Eine Frage der Farbe?

Sind die Erneuerbaren der Ausweg aus der globalen Klimakrise? Bild: dpa

Grüner Strom, blauer Wasserstoff – oder doch Kernenergie? Laureaten und Klimaforscher diskutierten in Lindau über realistische Wege aus der Klimakrise.

          5 Min.

          Es ist kurz vor zwölf, die Weltgemeinschaft muss jetzt rasch und entschieden handeln, soll das 1,5-Grad-Ziel noch eingehalten werden, und die Klimakatastrophe abgewendet werden.“ Es war ein Weckruf von Steven Chu, Robert Laughlin, Hartmut Michel und Brian Schmidt an die rund dreihundert Nachwuchsforscher, die am Mittwochmorgen die angeregte Diskussion „Klima und Energie“ an ihren Computerbildschirmen verfolgten. Unterstützung hatten die vier Nobelpreisträger von den beiden deutschen Klimaforschern Gerald Haug, seit 2020 Präsident der Nationalakademie Leopoldina, und Nadine Mengis vom Forschungszentrum GEOMAR in Kiel erhalten. Doch so einig, wie man sich über die Ursachen und Auswirkungen des Klimawandels war, so unterschiedlich bewertete man doch zum Teil die notwendigen Maßnahmen, um die Treibhausgasemissionen zu reduzieren.

          Manfred Lindinger
          Redakteur im Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Robert Laughlin (Physik-Nobelpreis 1998) von der Stanford University eröffnete die Debatte mit zwei  aktuellen Grafiken von BP und  der Wetter- und Ozeanografiebehörde der Vereinigten Staaten (NOAA), die die  Entwicklung des weltweiten Energieverbrauchs und den parallelen Anstiegs der CO₂-Konzentration in der Atmosphäre seit 1994. Trotz der Verdopplung der Kapazität an regenerativen Energien, Biodiesel und Wasserstoff, hat der Anteil der fossilen Energieträger kontinuierlich zugenommen, was sich im wachsenden Kohlenstoffeintrag spiegelt.

          Wie dramatisch die Situation bereits ist, untermauerte Nadine Mengis mit aktuellen Zahlen: So könnten noch rund 400 Gigatonnen an CO₂ in die Atmosphäre abgegeben werden, um das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen. Bei einem ungebremsten jährlichen Ausstoß von 42 Gigatonnen Kohlendioxid sei das Budget in zehn Jahren aufgebraucht. Deshalb müssten sofort die Emissionen gestoppt werden. Das könnte über das CCS-Verfahren (Carbon Capture and Storage), die Einlagerung von Kohlendioxid ins Tiefengestein, erfolgen, bevor es in die Atmosphäre gelangt, ergänzte Mengis. Es bestünde keine Gefahr, dass einmal eingelagertes CO₂ ungebremst in die Atmosphäre entweicht. Denn Kohlendioxid kristallisiert aus, wenn es lang genug im Gestein gespeichert ist.

          Weltweiter Energieverbrauch zwischen 1994 bis 2019
          Weltweiter Energieverbrauch zwischen 1994 bis 2019 : Bild: BP

          Doch stehen die Technologien überhaupt schon auf dem Markt zur Verfügung, um die Entwicklung noch aufzuhalten und umzukehren? Dies fragte Moderator Jim Skea vom Imperial College London in die Runde. Steven Chu (Physik-Nobelpreis 1997), der an wiederaufladbaren Batterien der neuen Generation und an effizienten CCS-Techniken forscht und einige Jahre Energieminister unter Barack Obama war, sieht viele Erfolg versprechende Entwicklungen in den Laboratorien. Die meisten seien aber noch nicht reif für die Anwendung. Als Beispiel nannte er die Batterietechnik.

          Nutzen wir schon heute alle Möglichkeiten

          So wird es seiner Meinung nach noch etwa zehn Jahre dauern, bis es leistungsfähige Akkus auf dem Markt geben wird, die innerhalb von fünf Minuten wieder aufgeladen werden können und gleichzeitig Elektroautos eine Reichweite von 200 Kilometern ermöglichen, mit dem Preis eines Verbrennungsmotors. „Hätten wir diese Batterien schon jetzt oder in ein paar Jahren, würde das Autofahren mit Benzin oder Diesel nur noch wenig Sinn machen.“ Ein Großteil der Emissionen würde wegfallen. Auch bei den chemischen Energiespeichern ist für Chu noch keine ausgereifte Lösung in Sicht.

          Anstieg der CO₂-Konzentration in de Atmosphäre seit 1960 bis heute.
          Anstieg der CO₂-Konzentration in de Atmosphäre seit 1960 bis heute. : Bild: NOAA, Global Monitoring Laboratory

          Für Laughlin liegt das Dilemma nicht so sehr in mangelnden Ideen, sondern am mangelhaften Zusammenspiel zwischen Forschung, Fördermitteln und Unternehmergeist, um Entwicklungen in die Anwendung zu bringen und den Fokus auf die zu lösenden Probleme zu richten. Die Interessen würden oft auseinanderlaufen. „Energie ist die zentrale Größe der Physik. Wir Wissenschaftler wissen, wie wir sie effizient nutzen können. Warum wir die Energie, die uns die Natur liefert, nicht ausschöpfen, hat vor allem wirtschaftliche Gründe. So ist es immer noch günstiger, fossile Energie zu nutzen als etwa solare Energie.“ Es sei nach wie vor schwierig, gegen den Gedanken der Gewinnmaximierung in der Wirtschaft anzukommen. Laughlins Rat: Man solle nicht auf „die Technologie“ aus dem Labor warten, sondern die bereits vorhandenen technologischen und ökonomischen Möglichkeiten möglichst schnell und effizient umsetzen. Wissenschaft und Wirtschaft müssten jetzt an einem Strang ziehen.

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