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Zukunftslabor Lindau 2019 : Ein Flüstern am Meer

Numerische Simulation der Gravitationswellen, die bei der Verschmelzung zweier Neutronensterne abgestrahlt werden Bild: dpa

Gravitationswellen sind ein Beispiel für das wundersame Zusammenspiel von Theorie und Beobachtung. Eine Beschreibung dessen findet sich außer in der Wissenschaftsphilosophie auch in der Erzählkunst.

          7 Min.

          Jede Menschenseele, die beim Heraufziehen der Nacht je die Venus hat blitzen sehen und dabei sehnsüchtig dachte: „Ich will da hin“ (oder, noch sehnsüchtiger: „Ich will hier raus“), hat damit den Kopf in eine Welt gesteckt, die merkwürdiger ist, als wir meist denken. Die überall wirksame Schwerkraft zum Beispiel wirkt nicht so, wie Newton glaubte, nämlich allseits ohne Verzögerung, sondern braucht dabei Zeit und verbreitet Neues, wenn sich ihre Quelle verändert, in Form von Wellen der Raumzeit, wie Albert Einstein 1916 bekanntgab. Seit 2016 wissen wir, dass diese Wellen nicht nur als Kopfkonstrukte, sondern messbare Ereignisse sind. Das hat die Auswertung von Beobachtungen ergeben, die am 14. September 2015 gemacht wurden.

          Dietmar Dath
          Redakteur im Feuilleton.

          Wir Menschen erschließen uns das, was die Welt nicht so sehr „im Innersten“ zusammenhält, wie‘s noch Doktor Faust wissen wollte (da drinnen, im Mikrokosmos, walten noch seltsamere Kräfte als die Gravitation – starke, schwache und elektromagnetische), als vielmehr das, was sie „im Äußersten“ biegt und kräuselt. Daten zu sammeln, die da Klärung bringen, ist manchmal so schwierig wie „das Flüstern am andern Ufer eines Meeres zu hören“ – diesen zarten Vergleich stellt der Schriftsteller Alastair Reynolds in seinem eigenwilligsten Buch an, „Century Rain“, erschienen 2004, zwölf Jahre vor dem Nachweis der Gravitationswellen, die darin eine wichtige Rolle spielen.

          Wie kriegt man im All ohne Hinschauen raus, wo man ist?

          Der Roman macht uns mit Menschen einer Erde bekannt, auf der die Geschichte etwas anders verlaufen ist als auf unserer (Hitler ist schon auf dem Frankreichfeldzug gescheitert, nicht erst in Russland); es gibt im Buch ein von unbekannten Intelligenzen gebautes interstellares Raumzeit-Tunnelsystem, an dessen interessantestem Ausgang eine Alternativerde zu finden ist. Sie scheint gleichsam eingenäht in einen blickdichten Schirm, eine künstliche Umgebung, die nicht verrät, wo der Planet seine Kreise zieht. Eine der Heldinnen erklärt eine Maschine, die bei der Orientierung helfen soll. Denn die fremden Baumeister mögen zwar in der Lage sein, Sonne und Mond zu fälschen, aber draußen im All gibt es Sachverhalte, die „Schwerewellen aussenden wie ein Musikinstrument einen Ton“. Die „sickern“ selbst durch einen Schirm, der alles Elektromagnetische (also Licht) abprallen lässt. Mit einer Gravitationswellenantenne kann man daher Resonanzen bekannter Großereignisse im All auffangen, „charakteristisch wie Fingerabdrücke“ (Reynolds), und mit denen lässt sich die eigene Lage dann triangulieren. Die Poetisierung einer hochabstrakten wissenschaftlichen Lehre geschieht in „Century Rain“ somit als Übersetzung von Theorie in Handlung.

          Das ist nicht nur ästhetisch triftig, sondern erkenntnistheoretisch korrekt. Denn das Zeitalter der modernen Naturwissenschaften hat unsere Gattung gelehrt, dass die streng undurchlässige Grenze zwischen Theorie (wörtlich „Betrachtung“) und Praxis (verstanden als „bewusstes Tun“), von der vorwissenschaftliche Menschheitsepochen ausgingen, in Wirklichkeit ziemlich permeabel ist. Wenn wir zu wissenschaftlichem Zweck schauen und horchen, ist das nichts Passives. Wir interagieren physisch (Photonen treffen die Netzhaut, Schallwellen das Geknitter im Ohr) nur dann erkenntnisstiftend mit der Welt, wenn wir uns selbst als optische Messgeräte oder Richtmikrophone theoriegeleitet nach dem Gesuchten ausrichten.

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