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Medizin-Nobelpreis : Ratten mit Hütchen

  • -Aktualisiert am

May-Britt Moser im Labor des Kavli Institute for Systems Neuroscience in Trondheim Bild: AFP

May-Britt Moser hat den Nobelpreis für Medizin gewonnen. Sie erforscht, wie im Gehirn die Ortserkennung funktioniert. Ein Besuch in ihrem Labor an der Medizinischen Fakultät in Trondheim.

          Der fünften Stock der Medizinischen Fakultät in Trondheim ist verwaist. Ein langer Flur, ganz am Ende ein paar Stehtische. Eine Tischdecke ist auf den Boden geglitten, ein Sektglas ist gekippt und ein zweites balanciert auf der Tischkante. Ein Stockwerk tiefer plötzlich Gekreische. Die Party geht im Arbeitskreis weiter. May-Britt Moser sitzt in ihrem Büro auf dem Boden und isst Kekse. Irgendjemand trägt einen Blumenstrauß an der Tür vorbei. Dann noch einen. Jemand guckt rein und geht wieder, irgendwo vibriert ein Handy und irgendjemand macht Fotos und reißt dabei den Jackenständer zu Boden. Überall hängen Bilder. Von Ratten, Menschen, den zwei Töchtern, selbstgemalte, nachdenkliche Porträts, bunte Skizzen und eine impressionistische Landschaftsmalerei.

          Mittendrin May-Britt Moser. Jetzt nicht mehr am Boden, sondern auf dem Schreibtischstuhl. Nobelpreisträgerin. Buntes Kleid und rote Pumps. Irgendwie festlich, obwohl sie doch nichts ahnte.

          Am Morgen klingelte das Telefon. Und sie hat gejohlt. Ihr Mann etwas später. Der wusste noch nichts. Saß im Flieger. Das Ehepaar Moser, Edvard und May-Britt. Sie aus Sunnmøre, Kindheit auf dem Lande. Bauernhof der Eltern. Er, deutsche Wurzeln. Die Mutter aufgewachsen in Essen, der Vater in Kronberg im Taunus. Zusammen haben sie das aufgebaut. Ihr Labor in der Medizinischen Fakultät. Das Zentrum für Neurowissenschaften. Und jetzt der Nobelpreis für Medizin, geteilt mit dem britisch-amerikanischen Kollegen John O’Keefe.

          Wie Teletubbies

          Am Eingang zum Labor Einweg-Astronautenkleidung und Haarnetz. „Wie Teletubbis“, sagt der Post-Doc Bjarte Bye Løfaldli. Wie alle, die im Zentrum forschen, hat er seine Ratte selber transplantiert. Er zeigt eine Vorrichtungen. Ein Hütchen mit Dioden. Winzige Schaltungen und Verzweigungen. Befestigt hat er das an der Schädelplatte der Ratte. Wie bei Menschen, die am Gehirn operiert werden, hat er erst den Schädel rasiert, einen diagonalen Schnitt angesetzt und dann vorsichtig die Schädeldecke aufgesägt. Wie beim Eierköpfen. Die Messvorrichtung hat er nicht am Schädelknochen festgemacht. Dazu hat er eine winzige künstliche Schädeldecken aus Kunststoff präpariert. Ein Stecker-Steckdosen Prinzip. Die Leitungen sitzen nicht auf der Schädeldecke, sondern gehen hindurch.

          Erwacht die Ratte aus ihrer Narkose, trägt sie ein Hütchen mit direkter Leitung ins Gehirn. Das, sagen die Forscher, stört die Ratten nicht. Im Käfigraum warten die schon an den Gittern. May-Britt Moser öffnet einen Käfig und ein Hütchenträger läuft ihr den Arm hinauf. Viele Käfige sind es, platzsparend untergebracht. Ein Schubladensystem. In den Käfigen flitzen die Ratten durch rote Röhren und blaue Häuschen. May-Britt Moser herzt ihre Ratten, drückt sie sich auch mal an die Wange. Ohne die Versuchstiere, Ratten und Mäuse, wäre die Forschung nicht möglich. Sie liefern dem Ehepaar die wichtigen Daten.

          Wie funktioniert Ortserkennung

          Zwei Räume weiter ist ein Versuch aufgebaut. Zwei Bildschirme flackern bläulich sonst ist es dunkel. Hin und wieder knirscht es aus den kleinen Lautsprechern an der Computerstation. Weiter hinten im Raum ist ein schwarzer Karton aufgestellt. Eine winzige Maus flitzt im Karton hin und her. Zwei Drähte wie Fühler am Kopf. Gelb leuchten Lämpchen an deren Enden und ein Kabel führt zur Computerstation. Direktverbindung. Als würde sie aufgeladen. Dabei ist die Maus der Sender. 

          „Man braucht glückliche Menschen und glückliche Ratten“: So erklärt May-Britt Moser ihren Forschungserfolg

          Ihr Gehirn sendet Impulse an die Sensoren. Die fließen durchs Kabel zum Computer. Dann knirscht es im Lautsprecher. Das heißt: Die Zelle schießt. May-Britt Moser hüpft dann auf und ab. Die Forscher wollen herausfinden was im Gehirn passiert, wenn wir uns orientieren. Sie haben festgestellt, dass es  Gehirnzellen gibt, die Ortserkennung zuständig sind. Rasterzellen. „Ich habe zum Beispiel eine Rasterzelle, die sich die Koordinate für den Stuhl auf dem ich grade sitze merkt und eine andere, die für die Koordinaten drei Schritte weiter zuständig ist“, erklärt Bjarte Bye Løfaldli. Jeder Ort, an dem wir einmal waren, wird von unserem Gehirn in Koordinaten aufgeteilt und gespeichert. Mit diesem Wissen hofft man Krankheiten, bei denen der Orientierungssinn gestört ist, besser verstehen zu können. Alzheimer ist so eine Krankheit. 

          Am Ausgang zum Labor steht eine Nervenzelle. In Glas gegossen und blau ausgeleuchtet. Wie eine kahle Baumkrone. Die Staatsministerin Erna Solberg hat auch so eine. Ein Besuchergeschenk. Stand vor ihr auf dem Schreibtisch, als sie heute morgen anrief. Gratulation. Irgendwo vibriert immer noch ein Handy, jemand fragt nach einer Blumenvase und irgendeiner bringt Kaffee. Mittendrin May-Britt Moser.

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