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Namensforschung : Mobile Gesellschaft? Ach was!

Bild: Konrad Kunze, Damaris Nübling: „Deutscher Familiennamenatlas“. De Gruyter, Berlin und New York 2009 ff.

Der deutsche Familiennamenatlas zeigt, dass viele deutsche Familien am liebsten dort geblieben sind, wo sie sich schon im Mittelalter nachweisen lassen.

          Der 30. Juni 2005 war ein Tag der Entscheidungen: In Straßburg urteilte der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte über die Besitzverhältnisse beim ostdeutschen Ackerland, der Libanon bekam einen neuen Ministerpräsidenten, und das spanische Parlament gestattete ebenso wie das kanadische die Eheschließung zwischen gleichgeschlechtlichen Partnern. Außerdem forderte ein Gerichtsgutachter an jenem Donnerstag, auch in Deutschland müsse es künftig erlaubt sein, dass Kinder einen zweiteiligen Familiennamen wie etwa Meyer-Schulze tragen können, wenn die Eltern es so wollen.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          In den Augen des Freiburger Sprachwissenschaftlers Konrad Kunze besitzt dieser Tag noch eine weitere Bedeutung. Das Datum 30. Juni 2005 ist der Stichtag für ein ehrgeiziges Projekt, das die Onomastik oder Namensforschung in Deutschland auf eine völlig neue Grundlage stellen soll: So, wie an diesem Tag bei der Deutschen Telekom bundesweit die Festnetzanschlüsse gemeldet waren, sind sie als Kombination von Nachname und Wohnort in eine Datenbank eingegangen, die seither vielfach ausgewertet wird - unter anderem für den von Kunze und der Mainzer Linguistin Damaris Nübling herausgegebenen „Deutschen Familiennamenatlas“, dessen zweiter Band gerade im Verlag Walter de Gruyter erschienen ist.

          Tausend Karten anvisiert

          Insgesamt sollen es in dem von der DFG geförderten Projekt sechs Bücher mit etwa tausend Karten werden, auf denen die räumliche Verteilung von Familiennamen in Deutschland dargestellt wird: Wo überall wohnten zur Jahresmitte 2005 Menschen mit dem Familiennamen Müller, Schulze, Lehmann? In welchem Gebiet übertraf die Zahl der Maiers die der Meiers, wo war es umgekehrt? Und wo schreibt man sich lieber Schmitt als Schmid? Der Atlas zeigt dies an, indem er bei jeder Karte die absolute Zahl der jeweiligen Namen vermerkt (etwa: Georg 9156, Jürgens 12198) und sie mit unterschiedlich großen Farbkreisen darstellt: Dort, wo etwa die Mayers im Verhältnis zur Bevölkerung besonders häufig sind, ist der entsprechende Farbkreis groß. Besonders erhellend sind diejenigen Karten, die verschiedene Namen hinsichtlich ihrer Häufigkeit miteinander vergleichen: Dort lässt sich anhand des unterschiedlich eingefärbten Hintergrunds erkennen, welche Namensform in der jeweiligen Region gegenüber den anderen überwiegt.

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          Natürlich ist das Zusammentreffen diverser familienpolitischer Entscheidungen mit dem Stichtag für die Datenbank nichts weiter als ein Zufall. Und doch möchte man ihn symptomatisch nennen. Denn zu den Gründen, die Kunze anführt, wenn es um die schiere Notwendigkeit einer solchen Datenbank für die Forschung geht, zählt auch das Anfang 2005 neuerlich geänderte deutsche Namensrecht, das seither weitere Möglichkeiten des Namenstransfers eröffnet und so die genealogischen Zusammenhänge weniger augenscheinlich macht.

          Zahl der Telefonanschlüsse rückläufig

          Wichtiger für den Zeitpunkt der Datenerhebung sind aber für Kunze zwei andere gesellschaftliche Entwicklungen: Die eine ist die schwindende Zahl der Telefonanschlüsse im Festnetz - nur dort lässt sich einem Teilnehmer ein Wohnort zuweisen. An diese Daten halten sich die Forscher, sagt Kunze, weil es für Deutschland bislang kein zentrales Melderegister gibt. Doch der Befund, der sich aus der heutigen Verteilung der Anschlüsse ergibt, könnte demnächst schon ganz anders aussehen, wenn sich die gegenwärtige Bereitschaft zum Wohnortwechsel etwa aus beruflichen Gründen noch weiter verstärkt.

          Eigentlich sollte man erwarten, dass genau deshalb schon längst jede Verteilung von Familiennamen in Deutschland völlig zufällig geworden ist, zumindest seit im 18. Jahrhundert mit der Industrialisierung die große Landflucht einsetzte und einen großen Teil der Bevölkerung räumlich entwurzelte. Und dann erst die Kriege mit ihren Flüchtlingswellen! Die je nach Region rasant wachsenden oder schrumpfenden Städte! Gerät da nicht jede historisch entstandene Namenslandschaft ins Wanken?

          Entstehung der Nachnamen

          So denkt man, bis man in Kunzes Atlas die Karte zur räumlichen Verteilung aller auf „-le“ endenden Namen studiert. Ein dicker Fleck im Südwesten der Republik, der Rest ist wie leergefegt. Oder die Familien Geiger, die ebenfalls im Südwesten sowie im Bayerischen Wald leben, die Fiedler dagegen im Norden. Oder die Schmids, die sich überwiegend im Süden finden, während ihre gleichlautenden, aber anders geschriebenen Namensvettern Schmitt in einem Streifen vom Saargebiet bis an die thüringische Grenze vorkommen und die Schmidts eher im Norden zu Hause sind. Solche räumlich klar getrennten Schreibkonventionen seien tatsächlich die größte Überraschung beim Erstellen der Karten gewesen, sagt Kunze. Erklären könne man da einiges, vieles bleibe rätselhaft. „Francke oder Blanck oder Finck - die schreiben sich in Nordostdeutschland mit ck, und kein Mensch weiß, warum.“

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