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: Zustände wie im alten Rom

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The Last Days of Hitler" von Hugh Trevor-Roper (1914 bis 2003), publiziert im März 1947, ist ein moderner Klassiker der Geschichtsschreibung. Auf diesen Rang zielte der Ehrgeiz des Autors. Er wusste, dass ihm Fortuna einen Stoff zugespielt hatte, dessen Behandlung gerade deshalb höchste Kunstfertigkeit verlangte, ...

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          The Last Days of Hitler" von Hugh Trevor-Roper (1914 bis 2003), publiziert im März 1947, ist ein moderner Klassiker der Geschichtsschreibung. Auf diesen Rang zielte der Ehrgeiz des Autors. Er wusste, dass ihm Fortuna einen Stoff zugespielt hatte, dessen Behandlung gerade deshalb höchste Kunstfertigkeit verlangte, weil er eine elementare, auf die bloßen Tatsachen in ihrer Schäbigkeit und Jämmerlichkeit gerichtete Neugier anzog, ein nicht unproblematisches, von allem Mitgefühl gereinigtes menschliches Interesse.

          Als Hauptmann im britischen Secret Intelligence Service (alias MI6) hatte Trevor-Roper im Auftrag von Brigadegeneral Dick White, dem Geheimdienstchef in der Britischen Zone, seit September 1945 die Umstände von Hitlers Tod untersucht. Es ging zunächst darum, vor der deutschen und weltweiten Öffentlichkeit den Beweis zu führen, dass Hitler tatsächlich tot war. Die Russen hatten den Leichnam ausgegraben und Hitler anhand seines Gebisses identifiziert. Aber sie unterschlugen ihr Wissen, um das Gerücht zu streuen, Hitler sei aus Berlin entkommen und halte sich mit Duldung der Westalliierten versteckt. Am 10. November 1945 legte Trevor-Roper dem Vier-Mächte-Ausschuss für Geheimdienstangelegenheiten in Berlin seinen Bericht vor, der zu dem Schluss kam, durch Augenzeugenberichte, deren Übereinstimmung nicht auf Absprache beruhen könne, sei der Selbstmord Hitlers zweifelsfrei erwiesen. In der zweiten Dezemberhälfte reiste Trevor-Roper noch einmal nach Deutschland, um weitere Zeugen einzuvernehmen beziehungsweise erst einmal aufzuspüren und festzusetzen: die Kuriere, die den Bunker mit Kopien der Testamente Hitlers verlassen hatten.

          Nachdem Trevor-Roper im Januar 1946 seine akademische Tätigkeit in Christ Church, seinem Oxforder College, wiederaufgenommen hatte, war es wiederum Brigadegeneral White, der, nunmehr als Privatmann, ihn aufforderte, seine Ergebnisse in einem Buch darzulegen. Trevor-Roper sah die Chance, wie er vier Jahrzehnte später in seinem Beitrag zur Serie "Werksbesichtigung" auf dieser Seite berichtete ("Trevor-Roper über Trevor-Roper", F.A.Z. vom 14. September 1988), ein Werk zu schreiben, das "Bestand haben" sollte. Der Historiker hatte zunächst Philologie studiert und Deutsch gelernt, um Wilamowitz zu lesen. Den Untergang des Tyrannen hatte er wie ein antiker Geschichtsschreiber durch Befragung von Zeugen erforscht. Die Darstellungsform war dadurch vorgegeben. Trevor-Roper griff nach dem höchsten Modell. "Tacitus war mein Vorbild; ihm wollte ich folgen."

          Er hat nicht zu hoch gegriffen. Das Buch hat, wie man im Englischen sagt, die Prüfung der Zeit bestanden. Der Geheimdienstfachmann Edward Harrison hat jetzt in der Hauszeitschrift des Instituts für Zeitgeschichte, in der 1960 Trevor-Ropers einflussreicher Aufsatz über Hitlers Kriegsziele erschien, Genese und Rezeption des Buches aus dem Nachlass des Verfassers dargestellt (Hugh Trevor-Roper und "Hitlers letzte Tage", Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, 57. Jahrgang, Heft 1, Januar 2009).

          Zeit verrinnt und wird verschwendet

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