https://www.faz.net/-gwz-6rsls

: Vorher das Hirn eikljutschae, dann erst zammeschreiwe

  • Aktualisiert am

In Zyklen beschreiben lässt sich nicht nur die Historie im Allgemeinen, sondern auch vieles, was die Geschichte der Sprache betrifft. Auf den Aufstieg folgt eine zuweilen lange Blüte, ehe sich Niedergang und Zerfall einstellen. Wann die Geschichte der russlanddeutschen Dialekte beginnt, lässt sich ...

          4 Min.

          In Zyklen beschreiben lässt sich nicht nur die Historie im Allgemeinen, sondern auch vieles, was die Geschichte der Sprache betrifft. Auf den Aufstieg folgt eine zuweilen lange Blüte, ehe sich Niedergang und Zerfall einstellen. Wann die Geschichte der russlanddeutschen Dialekte beginnt, lässt sich ebenso klar bestimmen wie der Zeitpunkt ihres folgenreichsten Umbruchs, den man als Beginn des Niedergangs markieren mag: 1763 wanderten die ersten Deutschen nach Russland aus. Stalins Zwangsumsiedlung der Wolgadeutschen, die eine eigene Sowjetrepublik bewohnten, und anderer im europäischen Teil der Sowjetunion lebender Deutschstämmiger nach Sibirien und Kasachstan vor genau siebzig Jahren sorgte dann auch in verbaler Hinsicht für erhebliche Verwerfungen.

          Eine blühende Sprachlandschaft, deren Dialekte vielfach auf je eigene Weise von der Landessprache geprägt waren, erhielt ein neues Umfeld und wurde zersplittert in dem Maße, wie auch die Gemeinschaften ihrer Sprecher auf vereinzelte, ferne Gebiete verteilt wurden. Der öffentliche Sprachgebrauch war dort aufs Russische beschränkt, Deutsch zu sprechen fortan eine reine Privatangelegenheit.

          Mit der Spätaussiedlung zahlreicher Russlanddeutscher in die Bundesrepublik beginnt die Endphase ihrer Mundarten. Die rund 600 000 Menschen, die in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion blieben, vor allem die jüngeren, beherrschen die angestammten Dialekte immer weniger. Und wer nach Deutschland kam, dessen Sprache veränderte sich rasch durch hochdeutsche und regionalsprachliche Einflüsse. Russlanddeutsche sagen immer seltener "ich wees", wenn sie etwas wissen, und auch hierzulande sprechen und reden sie einfach, statt wie ursprünglich zu "fazeele". Sie benutzen schlicht Fahrräder und keine Reit- oder Tretwagen mehr wie in ihren Mundarten. Und fahren sie mit hoher Geschwindigkeit, dann sind sie eben schnell - nicht scharf, grell oder auch forsch.

          Mehr als drei Millionen Russlanddeutsche leben heute in der Bundesrepublik. Obwohl sie stets die größte Deutsch sprechende Minderheit im Ausland waren, ist ihre Sprache noch immer nur unzureichend erforscht und existieren über diese nur wenige einschlägige Publikationen. Jetzt gibt es immerhin eine grundlegende mehr. Die Linguistin Nina Berend, selbst Russlanddeutsche, die in Heidelberg lehrt und am Institut für Deutsche Sprache in Mannheim das Projekt Migrationslinguistik leitet, war bereits Mitautorin des Standardwerks "Deutsche Mundarten in der Sowjetunion" (1991), einer Forschungsgeschichte mit bibliographischem Anhang, und gab 1996 den "Wolgadeutschen Sprachatlas" neu heraus, der auf Forschungsmaterial aus den zwanziger Jahren gründet.

          Berends jüngste Publikation gibt nun den lange entbehrten systematischen Überblick über die diversen Mundarten und dokumentiert sie ansatzweise mit Hilfe einer beigefügten CD (Nina Berend: "Russlanddeutsches Dialektbuch". Die Herkunft, Entstehung und Vielfalt einer ehemals blühenden Sprachlandschaft weit außerhalb des geschlossenen deutschen Sprachgebiets. Projekte Verlag, Halle (Saale) 2011. An Linguisten richtet sich die Publikation ebenso wie an Russlanddeutsche, die mehr über ihre sprachliche Herkunft erfahren wollen, oder auch an Lehrer und Pädagogen, die mit Russlanddeutschen umgehen. Klar aufgebaut und verständlich, wie das Werk ist, kann es indessen auch jeder an Sprache Interessierte leicht zur Hand nehmen.

          Zunächst kamen vor allem Pfälzer und Hessen nach Russland, wo sie sich eine bessere wirtschaftliche Zukunft erhofften, und siedelten in der Wolgaregion. Allein in der Regierungszeit der Zarin Katharina der Großen, die um sie warb, gründeten sie 104 neue Ortschaften. Anfang des neunzehnten Jahrhunderts folgten mehrheitlich Badener und Schwaben, die sich in der Ukraine und im Kaukasus niederließen. Die Wolhyniendeutschen, deren Mundart noch die größte Nähe zum Hochdeutschen aufweist, kamen aus ost- und nordostdeutschen Gegenden und besiedelten den nordwestlichen Teil der Ukraine, eben Wolhynien.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Der Berliner Senat hat sich beim Mietendeckel geeinigt.

          Geplanter Mietendeckel : So will Berlin Vermietern die Preise diktieren

          Der Berliner Senat will seinen umstrittenen Mietendeckel beschließen. Während ihn manche als „historisch“ loben, kündigen CDU und FDP bereits Klagen an. In anderen Städten wird die Entwicklung aufmerksam verfolgt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.