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: Von "Gang ins Volk" bis "Weltseele"

  • Aktualisiert am

Aus einem schmalen Pilotband, der 1995 unter dem Titel "The Russian Mentality" im polnischen Katowice von Andrzej de Lazari vorgelegt wurde, ist in der Nachfolgezeit ein sechsbändiges Handbuch hervorgegangen, das auf insgesamt mehr als dreitausend Druckseiten nicht nur Personen und Institutionen, son-dern auch Theorie- und Mythenbildungen aus dem russischen Kulturraum präsentiert.

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          Aus einem schmalen Pilotband, der 1995 unter dem Titel "The Russian Mentality" im polnischen Katowice von Andrzej de Lazari vorgelegt wurde, ist in der Nachfolgezeit ein sechsbändiges Handbuch hervorgegangen, das auf insgesamt mehr als dreitausend Druckseiten nicht nur Personen und Institutionen, son-dern auch Theorie- und Mythenbildungen aus dem russischen Kulturraum präsentiert. Das großangelegte Nachschlagewerk "Ideas in Russia" (Ibidem Publishers, Lodz 1999-2007), dessen jüngster Band editorisch von der Philosophin Justyna Kurczak betreut wurde, ist in mancher Hinsicht ein ungewöhnliches, ja singuläres lexikographisches Unternehmen.

          Die aufgenommenen Artikel zu Sachen und Personen - sie sind durchgehend dreisprachig abgedruckt in Englisch, Polnisch und Russisch - bieten weit mehr als bloße Bestandsaufnahmen. Es handelt sich dabei vielmehr in den meisten Fällen um umfangreiche, von einem internationalen Autorenteam verfasste Beiträge, deren Gegenstand auf aktuellem Forschungsstand und nicht selten mit innovativem, auch kritischem Zugriff dargeboten wird. Ausführliche Literaturhinweise unterschiedlicher Herkunft und Ausrichtung ergänzen die Artikel und gewährleisten die Objektivität des Handbuchs.

          Eine formale Besonderheit des Werks besteht im Übrigen darin, dass jeder Band neu mit dem Buchstaben A beginnt und das gesamte Alphabet bis Z durchläuft, so dass - anders als bei vergleichbaren Lexika - keine Addenda nötig sind, sondern nach Bedarf immer wieder neue Namen und Begriffe eingerückt werden können. Dazu gehören in der nun vorliegenden sechsten Lieferung des Handbuchs Beiträge über Präsident Wladimir Putin sowie über dessen namhaften publizistischen Widersacher Michail Ryklin, über die Geschichte, die Verbreitung und den heutigen Status des Islam in der Russischen Föderation, über den "Neopaganismus" und über "Neue religiöse Bewegungen", die das Land in Unruhe versetzen, aber auch über die "Diktatur des Gesetzes", aus der die heutige "gelenkte Demokratie" ihre zunehmende Festigkeit gewinnt, oder über die geisteswissenschaftliche Disziplin der "Globalistik", die in Russland auf eine eigenständige philosophischeTradition zurückgeht und deren Gegenstände und Methoden hier ausführlich zur Darstellung kommen.

          Auf der anderen Seite werden diverse althergebrachte Probleme und Phänomene abgehandelt, die man als typisch russisch bezeichnen könnte, darunter der staatsideologische Begriff der "Symphonie" kirchlicher und weltlicher Macht, der unter den russischen Zaren zuerst von Iwan dem Schrecklichen zur Rechtfertigung seiner umfassenden Machtansprüche propagandistisch verwendet wurde. Behandelt wird auch der fundamentale weltanschauliche Widerstreit zwischen Moskau und Petersburg, der für Russlands Geistesgeschichte im neunzehnten Jahrhundert prägend geworden ist, außerdem der Idealtypus des russischen "Allmenschen", das quasireligiöse Selbstverständnis Russlands als "Weltseele", der sozialrevolutionäre "Gang ins Volk" der siebziger Jahre des neunzehnten Jahrhunderts, der "Trotzkismus", die politischen "Mitläufer" der zwanziger Jahre und endlich die spezifisch russische Auffassung der Geschichte als ästhetischer Epiphanie beziehungsweise der Geschichtsschreibung als eines künstlerischen Werks - Symphonie, Drama, Poem oder Ähnliches -, das mehr auf die Zukunft denn auf die Vergangenheit ausgerichtet ist.

          Unter den Personenartikeln finden sich neben vielen anderen der liberale Rechtsphilosoph und Staatslehrer Pawel Nowgorodzew, der menschewistische Parteiführer und Lenin-Gegner Lew Martow, der heute wiederentdeckte Raketentechniker und "Kosmist" Konstantin Ziolkowskij oder der Filmregisseur Andrej Tarkowskij. Dazu kommen zahlreiche Artikel über allgemein geltende Begriffe und Ideen wie "Apokalyptik", "Geheimnis", "Lachen", "Lüge", "Schweigen", deren russisches Verständnis in vielfacher und aufschlussreicher Weise von westlichen Auffassungen oder Vorstellungen abweicht.

          Polnische und russische, westeuropäische und nordamerikanische Fachleute haben mit "Ideas in Russia" in gemeinsamer Anstrengung ein geistesgeschichtliches und kulturwissenschaftliches Handbuch geschaffen, wie man es bisher in vergleichbarem Umfang und auf vergleichbarem Niveau nicht zur Verfügung hatte, ein Handbuch, das dazu beitragen könnte und sollte, dass Russland nicht mehr bloß als unberechenbarer Sonderfall gelten sollte. Mit allen seinen Eigenarten und Widersprüchen ist es vielmehr als Teil des "europäischen Hauses" zu betrachten.

          FELIX PHILIPP INGOLD

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