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: Und die Zeit leckt meine Wunde

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Hunde lecken nicht nur die eigenen Wunden, sondern, angezogen vom Eitergeruch, auch infizierte Körperteile des Menschen. Daß in den Tempeln des Äskulap neben Schlangen auch Hunde gehalten wurden, hat man von je mit der heilenden Wirkung der Hundezunge in Verbindung gebracht. Die neuere Forschung bestätigt ...

          Hunde lecken nicht nur die eigenen Wunden, sondern, angezogen vom Eitergeruch, auch infizierte Körperteile des Menschen. Daß in den Tempeln des Äskulap neben Schlangen auch Hunde gehalten wurden, hat man von je mit der heilenden Wirkung der Hundezunge in Verbindung gebracht. Die neuere Forschung bestätigt diese These: Der Hundespeichel bewirkt "Lysis", enthält keimtötende Fermente und Leukozyten, die bei der Aufnahme der Bakterien weitere Lysine produzieren. Daß die Hundezunge in der mittelalterlichen Heilkunst als "Ärztin" personifiziert wurde, beruhte also auf Erfahrungswissen. In einer augenzwinkernd gelehrsamen Abhandlung entwirft der Wuppertaler Mediävist Meinolf Schumacher eine Geschichte der metaphorischen Verwendung dieses Wissens (Meinolf Schumacher, "Ärzte mit der Zunge. Leckende Hunde in der europäischen Literatur", Bielefeld 2003).

          Die Hundezunge erscheint da immer wieder als Metapher des menschlichen Sprechens. Der wichtigste exegetische Ort für diese Bildlichkeit ist das Lukas-Evangelium, nach welchem die Hunde die Geschwüre des Lazarus leckten (Lk. 16, 21). In Verbindung mit der mittelalterlichen Allegorese der Geschwüre als Sünde und Krankheit bezeichnen die Hunde Prediger, die mit ihrer Zunge im Verkünden des göttlichen Wortes Heilung bewirken. So nennt Absalon, der Abt des Chorherrenstifts von Springersbach, Ende des zwölften Jahrhunderts, die Hundezunge der kirchlichen Würdenträger eine "Bußarznei", die den Menschen "nach schweren Niederfällen in Sünden und Vergehen sich kräftiger als zuvor wieder erheben" lasse. Dies gelte auch für die Krankheiten der Seele.

          Die Metaphorik der Hundezunge konnte aber ebensowohl zur Priesterkritik umgebildet werden. Anfang des siebzehnten Jahrhunderts tadelt Aegidius Albertinus die schlechten Hirten, sie seien "wie die Hundt / und lecken die Wunden Lazari nur mit der Zungen / aber mit der Hand berühren sie nichts." Wird das Lecken des Hundes im negativen Sinne verstanden, so bedeutet es zumeist die schmeichlerische oder wesenlose Rede, die nicht durch barmherziges Handeln gedeckt ist. Erasmus von Rotterdam bezieht sich darauf, wenn er in seinem "Lob der Torheit" satirisch ausführt, daß Schmeichler wie Hunde stets treu und zuverlässig seien. Das schmeichelnde Lecken heilt nicht.

          In seinem Rollengedicht "Jehuda ben Halevy" (1851), das angeblich den jüdischen Dichter und Philosophen des zwölften Jahrhunderts sprechen läßt, gibt Heinrich Heine dem Metaphernkomplex eine eigentümliche Wendung: "Lange schon, jahrtausendlang / Kochts in mir. Ein dunkles Wehe! / Und die Zeit leckt meine Wunde, / Wie der Hund die Schwären Hiobs." Hier wird ein Bild des jüdischen Dichters entworfen, der das Leid der Jahrtausende kennt. Aufschlußreich ersetzt Heine, der sich doch in der Matratzengruft mit Lazarus identifizierte, die neutestamentliche Figur durch die ältere des Hiob und verweist damit auf das jahrtausendelange Hadern des Menschen mit der Gerechtigkeit Gottes, bildet den Metaphernkomplex zum Ausdruck grundsätzlicher Skepsis um.

          Auch hier beschreibt Heine die Existenz des jüdischen Dichters aus der Bildlichkeit der Wunde, in Adornos Aufsatz "Die Wunde Heine" wird sie zur universalen Metapher der Sprache wie des beschädigten Lebens. Heilen kann das Lecken des Hundes als menschliche Sprache schon seit Heine nicht mehr, allenfalls "kühlend lindern".

          FRIEDMAR APEL

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