https://www.faz.net/-gwz-wigo

: Streit mit Kanadas Bombenkriegern

  • Aktualisiert am

Billy Pilgrim weinte häufig, schlief schlecht, sprach mit Außerirdischen. Als amerikanischer Kriegsgefangener hatte er die alliierte Bombardierung Dresdens im Februar 1945 erlebt. Darüber war er verrückt geworden. Billy ist der Protagonist in Kurt Vonneguts legendärem Roman "Schlachthof 5" und das literarische Alter Ego seines Schöpfers.

          5 Min.

          Billy Pilgrim weinte häufig, schlief schlecht, sprach mit Außerirdischen. Als amerikanischer Kriegsgefangener hatte er die alliierte Bombardierung Dresdens im Februar 1945 erlebt. Darüber war er verrückt geworden. Billy ist der Protagonist in Kurt Vonneguts legendärem Roman "Schlachthof 5" und das literarische Alter Ego seines Schöpfers. Vonnegut hatte selbst das Inferno in einem Schlachthofkeller überlebt. Die "verbrühten Körper in Dresden" vergaß er nie wieder.

          Kanadische Veteranen hätten dem im vergangenen Frühjahr verstorbenen Vonnegut genügend Stoff für weitere Satiren liefern können. Ob sich die Royal Canadian Air Force (RCAF) mit Männern vom Schlage Billys Pilgrims herumplagt, dürften wir allerdings kaum je erfahren. Die RCAF setzt in Gestalt zahlreicher Veteranenverbände mehr als sechzig Jahre nach Kriegsende weiter auf Heldenmythen. 67 Worte oder drei Sätze, in den kanadischen Medien die vielleicht meistzitierten der vergangenen zwei Jahre, versetzten an erster Stelle die Royal Canadian Legion in patriotische Rage.

          "Eine andauernde Kontroverse" lautete die Überschrift einer Texttafel, die sich bis vor kurzem im Canadian War Museum (CWM) der Hauptstadt Ottawa befand. Sie gehörte zu einer Abteilung, die die Bombardierung deutscher Städte während des Zweiten Weltkriegs publikumswirksam inszenierte. Gegen die keineswegs prominent plazierte Tafel begannen die Veteranen bereits kurz nach der Eröffnung des Museums am 8. Mai 2005 Sturm zu laufen. Die begleitende öffentliche Geschichtsdebatte stand dem hierzulande durch Jörg Friedrichs Buch "Der Brand" ausgelösten Streit an Heftigkeit kaum nach.

          An der Bombardierung deutscher Städte während des Zweiten Weltkriegs war auch die RCAF als Teil der Commonwealth-Streitmacht beteiligt. Kommandierender Befehlshaber des Bomber Command war seit 1942 der berühmt-berüchtigte Sir Arthur Harris, auch "Bomber Harris" genannt. Er perfektionierte das Konzept des area bombing, von der Texttafel des Museums nach Meinung ihrer Kritiker allerdings falsch dargestellt. "Erfolg wie moralische Berechtigung der Angriffe", hieß es darauf, "bleiben stark umstritten. Ziel des Bomber Command war es, die Moral der Zivilbevölkerung zu erschüttern und Deutschland durch die Zerstörung seiner Städte wie Industrieanlagen zur Kapitulation zu zwingen. Obwohl das Bomber Command wie auch amerikanische Angriffe 600 000 deutsche Ziviltote und mehr als fünf Millionen Obdachlose hinterließen, führten die Angriffe nur zu geringfügigen deutschen Produktionsrückgängen am Ende des Krieges."

          Für den National Council of Veterans Association, den Dachverband der Kriegsteilnehmer, bedeuteten diese Sätze den Casus Belli. Allein zu erwähnen, dass in Kanada seit Kriegsende kontrovers über das area bombing diskutiert wurde, war kaum erträglich. Rundweg bestritten wurde, die Bombardierungen hätten kaum strategischen Nutzen erbracht. Durch eine Fotografie, die Leichen aufgereiht am Straßenrand einer zerbombten deutschen Stadt zeigte, sahen sich die Veteranen als "Kriegsverbrecher" angeprangert. Ihre Forderung nach mehr Respekt zielte auf eine "substanzielle Änderung" der Texttafel. Tatsächlich fügte das Museum schriftliche Informationen hinzu, hielt aber an den 67 Wörtern mit der Begründung fest, die historische Darstellung sei zweifelsfrei. Daraufhin entschlossen sich die Veteranen zum Boykott des Museums.

          Weitere Themen

          Forscher beobachten Unterwasserwirbel Video-Seite öffnen

          Entdeckung in der Tiefe : Forscher beobachten Unterwasserwirbel

          Eine Gruppe von Ozeanographen traute ihren Augen kaum, als sie jüngst Zeugen dieses Phänomens am Meeresgrund wurden: Vor der Küste Nordost-Australiens zeichnete die Kamera ihres Tauchroboters in fast einem Kilometer Tiefe eine Art Tiefwasser-Wirbel auf, der eine deutliche Spur im Sand hinterließ.

          Topmeldungen

          Unser Autor: Martin Benninghoff

          F.A.Z.-Newsletter : School’s out forever?

          Corona sorgt nicht nur für entkräftete Eltern und Lehrer: Die Gefahr, dass Bildungsdefizite mancher Kinder größer werden, wächst mit jedem Tag. In China spitzt sich die Hongkong-Frage am Donnerstag zu. Der F.A.Z. Newsletter für Deutschland.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.