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Rezension: Sachbuch : Was heißt hier seelenlos?

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Moskau und Petersburg als Pole des Rußland-Bilds

          Der durchweg kontroverse, wenn nicht polemische Kulturdialog zwischen Moskau und Petersburg, den der russische Kulturhistoriker K. G. Issupow in einem materialreichen Sammelband dokumentiert (Moskwa-Peterburg: Pro et Contra, St. Petersburg 2000), begann im frühen achtzehnten Jahrhundert mit der Gründung der neuen Reichshauptstadt "Sankt Pitersburch" durch Peter den Großen.

          Der fortschrittsoptimistische Zar wollte damit nicht bloß einen militärischen Vorposten gegenüber der nördlichen Supermacht Schweden installieren, sondern auch ein "Fenster nach Europa" aufstoßen, um dem wirtschaftlichen, technologischen und kulturellen Austausch zwischen Rußland und dem Westen neue Impulse zu geben. Hinzu kam, daß Peter I. für seine großangelegten Reformprojekte einen effizienten Verwaltungs- und Exekutivapparat benötigte, den das konservative "Heilige Moskau" nicht zu stellen vermochte. Außerdem wollte er mit der Errichtung einer modernen Metropole im Sumpfgelände der Newa-Mündung seinen unaufgeklärten Untertanen den Triumph menschlichen Planens, Wollens und Könnens über die bedrohlichen Elementarkräfte der Natur vor Augen führen.

          Spaltung und Spiegelung waren von Beginn an bestimmend für die Auseinandersetzung zwischen Moskau und Petersburg, und beides, Spiegelung wie Spaltung, gehört zu den Konstanten russisch-nationaler Selbsterfassung. Was J. M. Lotman und B. A. Uspenskij in ihrer vielzitierten Abhandlung über den strukturellen Binarismus der russischen Kultur (1977) herausgestellt haben, ließe sich geradezu exemplarisch auf das Verhältnis Petersburgs zu Moskau und Moskaus zu Petersburg anwenden.

          Im geschichtlich-vergleichenden Diskurs repräsentieren Petersburg als Reichshauptstadt und Moskau als Thronhauptstadt nicht bloß den Kontrast von Neu und Alt, Fremd und Eigen, West und Ost, Rand und Mitte, Kultur und Natur, sondern eindeutig auch metaphorische Qualitätsunterschiede wie Männlich/Weiblich und Kopf/Herz oder die Wesensdifferenz von Schein und Sein.

          Im übrigen stand Petersburg nicht allein zu Moskau in scharfem Gegensatz, es war auch in sich selbst gebrochen und brachte seinerseits, als "Luxusund Elendsstadt" (A. S. Puschkin) ein binäres Weltbild hervor, das symbolhaft mit dem antagonistischen Doppelnamen Petropolis/Nekropolis etikettiert wurde. Vor allem die russische Poesie - von Majkow und Grigorjew bis hin zu Alexander Blok, Anna Achmatowa und Joseph Brodsky - hat diesen Antagonismus durch immer wieder neue Metaphernbildungen präsent gehalten. In der Optik der Dichter erweist sich Petersburg, das vorübergehend auch Petrograd und Leningrad, volkstümlich aber stets "Piter" hieß, als ein durchweg ambivalentes Konstrukt - es ist Metropole und Armenhaus, Theater und Kerker, Museum und Mausoleum zugleich.

          Wenn einst der Philologe und Kulturwissenschaftler Boris Eichenbaum die "Seelenlosigkeit" Petersburgs als Faszinosum herauskehren konnte, so wurde im Gegenzug dazu bei manchen andern Autoren die allmenschliche "Beseeltheit" Moskaus betont. Wie immer man derart ungreifbar scheinende Zuschreibungen für sich genommen bewerten möchte, fest steht, daß sie für die Einschätzung Rußlands eine beträchtliche Wirkung entfaltet haben und kulturhistorisch von großer Bedeutung geworden sind. Moskau und Petersburg scheinen kraft ihrer wechselseitigen Verspiegelung all jene Widersprüche in sich zu vereinen, die man üblicherweise dem Russentum insgesamt zuschreibt und die denn auch in die weithin kolportierte Klischeevorstellung von der "breiten russischen Seele" eingegangen sind.

          Der Philosoph Nikolaj Berdjajew hat diese fatale innere Gespaltenheit damit in Verbindung gebracht, "daß in Rußland zwei Ströme der Weltgeschichte - Ost und West - aufeinanderprallen und in Wechselwirkung geraten": "Rußland ist ein ganzer Weltteil, ein riesiger östlicher Westen... Und immer liegen in der russischen Seele zwei Prinzipien, das östliche und das westliche, im Widerstreit."

          Die beiden Pole des russischen Selbstverständnisses in Übereinstimmung zu bringen wäre, nach einem frühen Gedicht von Marina Zwetajewa, so schwierig wie die Vereinigung der Flüsse und Morgenröten der beiden Metropolen. Es ist so unwahrscheinlich wie die dauerhafte Verbindung zweier Menschen, die sich lieben: "Und während du über die Newa schreitest, / blicke ich in die Moskwa hinab... / Doch mein Fluß wird mit deinem Fluß / und meine Hand wird mit deiner Hand, / Geliebter, erst zusammenkommen, / wenn einst sind beide Morgensonnen." Ebendies jedoch ist so bald nicht zu erwarten.

          FELIX PHILIPP INGOLD

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