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Rezension: Sachbuch : Überständig

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Die Hanseforschung dazumal

          Ein Buch wie aus einer anderen Zeit. Beinahe pünktlich zum fünfundsiebzigsten Geburtstag des Münsteraner Mediävisten Heinz Stoob erschien 1995 seine umfangreiche Gesamtdarstellung der Hanse (Styria Verlag). Dem Text vorangestellt ist eine Tabula Gratulatoria mit 304 persönlichen Glückwünschen aus Historikerinnung und Schülerschaft. Und tatsächlich faßt das Buch ein Lebenswerk zusammen; zahlreiche Vorlesungen, Aufsätze und Quellenstudien zu Aspekten der hansischen Kultur und Geschichte fließen hier ein. Weil keine auch nur annähernd umfassende Darstellung vorlag, schien hier eine Lücke geschlossen.

          Seit 1964 diente der gleichlautende Titel "Die Hanse" des Elsässers Philippe Dollinger als Standardwerk. Dollinger spulte keine reine Ereignisgeschichte ab und verzichtete weitgehend auf ermüdende Forschungsberichte. Statt dessen wurden dem Leser Kapitel über die niederdeutsche Kultur und den Wirtschaftsstil der Hansekaufleute geboten, ergänzt um anschauliche biographische Profile und eine Auswahl von Quellentexten in Übersetzung.

          Stoobs Entwurf, genau dreißig Jahre jünger, wirkt im Vergleich dazu altertümlich, sein Stil atmet merkwürdige Kathedergelehrsamkeit. Alleweil ist von "Räumen" die Rede, in denen von "Kräften" und "Mächten" um die "Vorherrschaft" "gerungen" wird. Mitunter klingt das, als sei ein Heldenepos in historische Prosa übersetzt worden: "Der Obotrite Gottschalk, Sohn und Gatte einer Dänin, richtete seit 1043 mit billungisch-sächsischer und erzbischöflich-bremischer Unterstützung ein wendisches Reich in Ostholstein und Mecklenburg auf, das der alten Slawennot dort für zwei Jahrzehnte ein Ende setzte." Ob ein solcher Stil die "Vermittlung von Information und Wissen über die Hanse an ein breiteres Publikum" befördert, von der das Geleitwort spricht?

          Es ist das routiniert hermetische Lied der Reichs- und Aktengeschichte, das hier mit ungeheurem Fleiß noch einmal gesungen wird. Nach kulturhistorischen Überlegungen - zu Formen der Frömmigkeit oder zu den Geschlechterbeziehungen etwa - wird man hier vergeblich suchen, die Chroniken werden nicht auf Alltagsgeschehen befragt, und die Darstellung der Kultur beschränkt sich auf eine handbuchmäßige Aufzählung von Bauten der Backsteingotik. Wenn es ausnahmsweise einmal doch um arbeitende, leidende Menschen geht, dann in einem Stil von knorriger Poesie, die um so kurioser wirkt, als sie inzwischen von einem Soziologenjargon überholt wurde, der auch nicht lesbarer ist: "Rauhe und wetterharte Gesellen müssen es gewesen sein, zu deren Gepäck der Geldbeutel und das Schwert, die Klappwaage und der Pilgerstab, die Sklavenkette und der Rosenkranz gleichermaßen gehörten."

          Das Buch wäre also nicht viel mehr als ein unzeitgemäßer Gruß aus vergangenen Historikertagen, wenn da nicht der Abriß zur Forschungsgeschichte wäre, den Stoob seinem Werk nach altem Brauch vorangestellt hat. Hier finden sich ein Überblick über die Anfänge der Hanseforschung, eine Würdigung der wichtigen Quelleneditionen aus den Mitteln des Hansischen Geschichtsvereins und die kritische Ehrenrettung des Maritimhistorikers Dietrich Schäfer. Stoob rügt immerhin Schäfers erklärtes Ziel, "Hansegeschichte mit dem Blick auf die Geltung Deutschlands, des wilhelminischen Kaiserreichs über See zu treiben". Aber als wäre die politische Verstrickung der Innung damit abgeschlossen, folgert Stoob versöhnlich: "Zwei Weltkriege hat der Hanseverein überstanden und jedesmal danach seine internationalen Verbindungen wiedergewonnen, sein über Deutschland hinausgehendes Ansehen neu gegründet." Kein Wort mehr.

          Dieser Schnelldurchlauf der Forschungsgeschichte der Hanse verrät eine Voreingenommenheit. Denn kaum ein anderer Zweig der Geschichtswissenschaft hat sich so freudig den ideologischen Vorgaben des Nationalsozialismus ergeben wie die Hanseforschung. Mit dem Deutschen Orden, den die Ostsee besegelnden und beherrschenden deutschen Kaufleuten und der vorgeblichen Ausbreitung der Kultur zu slawischen und baltischen Völkern gab es hier für Opportunisten und Hetzer idealen Nährboden. Eine Sichtung der Fachzeitschrift "Hansische Geschichtsblätter" vor 1945 demonstriert, mit welchem Eifer sich die Forschung an nationalsozialistischen Parolen orientierte.

          Mit hansischen Durchhaltevorträgen vor der SS und ihrer Mitarbeit an Veröffentlichungen des Reichspropagandaministeriums über die Hanse dienten Forscher wie Fritz Rörig und Heinrich Reincke der völkischen Ideologie. Ihrer Karriere tat dies nach dem Krieg keinen Abbruch. Ähnlich verstrickt war die von 1933 bis 1945 so beliebte "Kulturraum"-Forschung fast der gesamten Zunft, etwa bei den später so einflußreichen Ordinarien Otto Brunner, Hermann Aubin, Ludwig Buisson. Aus solcher Wissenschaft entsprang der Geist der Historikertage der fünfziger Jahre, auf welchen der vermeintlich bolschewistischen Geschichte der Unterschichten ebenso kategorisch eine Abfuhr erteilt wurde wie der Historischen Geographie und der beginnenden Mentalitätsgeschichte französischer Prägung. Die deutsche Geschichtsforschung verblieb damit für lange gewollt in der Provinzialität, in der sie seit 1933 verharrte.

          Es ist Heinz Stoob, Jahrgang 1919, nicht vorzuwerfen, daß er in seinem Werk solchen Auswüchsen nicht mit ritualisierter Betroffenheit abschwören, daß er alte Lehrer und Weggefährten nicht schlechtmachen wollte. Er hätte dieses Kapitel weglassen können. Doch eine ernsthafte Forschungsgeschichte vorzuspiegeln, die den Nationalsozialismus dreist unterschlägt, grenzt an ein Täuschungsmanöver. So hat Stoob ein Fossil verfaßt - ein Buch wie aus einer anderen Zeit. DIRK SCHÜMER

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