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Rezension: Sachbuch : Silones Geheimnisse

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          6 Min.

          Die Polemiken um eine vermeintliche oder wirkliche Informationstätigkeit Ignazio Silones für die faschistische Partei (F.A.Z. vom 16. September 1999) haben in diesem Frühjahr einen neuen Höhepunkt erreicht. Zum hundertsten Geburtstag des Dichters (geboren am 1. Mai 1900 in Pescina dei Marsi, Region Abruzzen) teilt sich die italienische Kultur in "colpevolisti" und "innocentisti". Schuld- oder Unschuldsvermutung wird zu einem Glaubenssatz. Hier die (vor allem ältere) Garde der Silone-Bewunderer, die an dem Monument des "klarsichtigen Antikommunisten", des Moralisten, des "Meisters der Freiheit" nicht rütteln lassen wollen. Dort die (vor allem jüngeren) Zeithistoriker, die skeptischen Erben der Achtundsechziger, die vertraut sind mit Verrat, Loyalitätswechseln, den Ambiguitäten des Lebens und dem Sturz von angebeteten Göttern. Der "Fall Silone" bewegt die Gemüter.

          Die beiden jungen Zeithistoriker Dario Biocca und Mauro Canali, die mit ihren Beiträgen die Polemik ausgelöst hatten, legen jetzt eine Zwischenbilanz ihrer Recherchen in Buchform vor unter dem trockenen Titel "Der Informant, Silone, die Kommunisten und die Polizei" (Dario Biocca, "Mauro Canali", L'informatore: Silone, i comunisti e la polizia, Luni, Mailand 2000). Gleichzeitig erscheint in der Klassiker-Reihe "I meridiani" des Mondadori-Verlages der zweite Band der Romane und kulturpolitischen Schriften Silones: eine Aufnahme in den italienischen Dichter-Olymp, die sozusagen von heftigsten Gewittern begleitet wird (Ignazio Silone, "Romanzi e saggi". Bd. 2: 1945 bis 1978, Mondadori, Mailand 1999).

          Worum geht es? Nach den Forschungen von Biocca und Canali hat der früh verwaiste und in Not und Armut aufgewachsene Silone bei der Übersiedlung nach Rom 1918 einen höheren Polizeibeamten, Guido Bellone, kennen gelernt. Aus der Bekanntschaft, möglicherweise im Umfeld von Verhaftung und Verhör, entstand ein Vertrauensverhältnis. Silone, der damals noch Secondino Tranquilli hieß, spielte in jenen unruhigen "roten" Jahren schon eine führende Rolle in der Jugendarbeit der Sozialistischen Partei. Als Vorsitzender der Parteijugend gehörte er 1921 zu den Mitbegründern der KPI. Unter dem Decknamen "Silvestri" schickte er seinem väterlichen Freund Bellone seit 1919 Informationsberichte mit Interna aus der Parteiarbeit.

          Mit der Machtergreifung des Faschismus, dem Aufbau einer Einparteidiktatur und dem schrittweise Abtauchen der KPI in die Illegalität wurden diese Berichte, von denen Biocca und Canali mehr als fünfzig abdrucken, wertvoller. Silone stieg nach 1924 bis in die innerste Führungsgruppe der KPI auf. Dabei kam es zwischen dem mittlerweile zum stellvertretenden Polizeichef Roms ernannten Bellone und seinem Informanten zu einer Art Do-ut-des-Verhältnis. Der Polizeikommissar nutzte seine kostbare Quelle wie ein persönliches Eigentum und schützte sie durch sorgfältige Anonymisierung vor allen Indiskretionen. Das könnte auch erklären, warum Silone in keinem der nach 1944 publizierten Informationsverzeichnisse der faschistischen Geheimpolizei "Ovra" auftaucht. Bei allen von Biocca und Canali ausgegrabenen Texten handelt es sich um anonyme und in ihrer Herkunft unkenntlich gemachte Abschriften.

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