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Rezension: Sachbuch : Sibirische Verhältnisse im eiszeitlichen Rheinland

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          2 Min.

          Es ist wenig mehr als 10000 Jahre her, dass große Teile Mitteleuropas von einer dicken Eisschicht bedeckt waren. Obwohl die Vereisung im geologischen Sinne gerade erst aufgehört hat, sind den Geowissenschaftlern längst nicht alle Faktoren bekannt, die zu der weiträumigen Vergletscherung geführt haben. In der Quartärgeologie, jenem Wissenschaftszweig, in dem die jüngsten Eiszeiten erforscht werden, sind zwar in den letzten Jahren große Fortschritte erzielt worden. Bei der Untersuchung der Spuren der Eiszeiten gibt es aber immer noch Überraschungen. So wurden beispielsweise in einer Kiesgrube in der Nähe von Goch am Niederrhein mehrere Meter große kugelförmige Schichten entdeckt, die den Geologen zunächst Rätsel aufgaben. Sie sind inzwischen als Folge des Permafrostes gedeutet werden, der in der Eiszeit am Niederrhein geherrscht hat. Wie Josef Klostermann jetzt in dem Buch "Das Klima im Eiszeitalter" schreibt, können diese so genannten Kryoturbationen beim oberflächlichen Auftauen von Permafrostboden entstehen. Solche Böden findet man heute in Sibirien, in Alaska, im Yukon-Territorium/Kanada, aber auch in den großen Trockentälern der Antarktis. Sie sind zum Teil bis in mehrere hundert Meter Tiefe durchgefroren. Durch die Sonneneinstrahlung im Sommer tauen die obersten Meter auf, und dabei kann es durch die Porenöffnungen des Bodens zu Konvektionsbewegungen des Schmelzwassers kommen. Dass wärmeres Wasser dabei nach unten sinkt und kälteres aufsteigt, ist nur ein scheinbarer Widerspruch zur Alltagerfahrung. Gemeinhin entstehen Konvektionszellen, wenn warme Flüssigkeiten oder Gase aufsteigen und kalte sinken. Die Triebkraft dabei sind Dichteunterschiede. Warme Luft zum Beispiel hat ein geringeres spezifisches Gewicht als kalte. In der Nähe des Gefrierpunktes verhält sich Wasser aber anders, denn es hat bei 4 Grad seine größte Dichte. Wasser mit dieser Temperatur sinkt also innerhalb einer Konvektionszelle. Kühleres Wasser, das weniger dicht ist, steigt dagegen auf. Ist eine solche Konvektionszelle innerhalb eines Bodens einmal in Gang gekommen, führt der Fluss des Wassers zur Trennung von Steinen und Sanden. Kieselsteine lagern sich trogförmig um die Sande herum an. Wenn nun der Permafrost aufhört und diese Bodenschicht danach nicht durch Erosion umgeschichtet wird, bleiben die Tröge mit feinen Sedimenten auch über Jahrtausende erhalten. Die Kryoturbationen bei Goch zeugen davon, dass am Niederrhein einmal Verhältnisse wie in Sibirien geherrscht haben müssen, während im 15. Jahrhundert in der gleichen Gegend Wein angebaut wurde. In seinem Buch stellt Klostermann aber nicht nur die Auswirkungen der Vereisungen auf die Landschaft dar. Er beschreibt auch anschaulich die vielen Theorien über die Ursachen und Folgen der Klimaschwankungen. Gewünscht hätte man sich lediglich, dass die zahlreichen erklärenden Grafiken nicht willkürlich in Deutsch oder Englisch, sondern einheitlich in einer Sprache beschriftet worden wären. (Das Buch "Das Klima im Eiszeitalter" von Josef Klostermann ist bei der E. Schweizerbart'schen Verlagsbuchhandlung, Stuttgart 1999, erschienen. Es hat 284 Seiten und kostet broschiert 59 Mark.)

          hra

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