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Rezension: Sachbuch : Protz mal wieder

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Sichtbarkeit des Reichtums

          3 Min.

          Seit der Kapitalismus anders geworden ist, hat auch die Konsumkritik ihr Gesicht verändert. Markenbewußtsein gilt nicht mehr als Schande, Einkaufen beim exklusiven Versandhändler "Manufactum" ist längst auch für die auf Unangepaßtheit Bedachten schick geworden. Der Verbraucher handelt unberechenbarer: Er kauft zugleich bei Aldi und bei Bulgari ein.

          "Keeping up with the Joneses" galt lange Zeit als das eherne Konsumgesetz. Nach der Einsicht von James Duesenberry zählt für die Analyse der Verbrauchergewohnheit das relative und nicht das absolute Einkommen. Das Milieu war dem Verbraucher Norm und Anreizumfeld gleichermaßen. Was Nachbars Kinder haben, sei unseren Kindern auch gegönnt. "Keeping up with the Joneses" war zugleich immer auch eine Klassentheorie, welche die Zusammengehörigkeit der Schichten nicht im Bewußtsein oder den Produktionsverhältnissen verortete, sondern beim einkommensabhängigen Konsum, der zugleich Lebenslagen und -stile konstituierte. Die Müllers im zweiten Stock waren dafür verantwortlich, daß wir in den sechziger Jahren den Urlaub in Bibione an der italienischen Adria und nicht in Isny im Allgäu verbracht haben.

          Die Harvard-Ökonomin Juliet B. Schor hat jetzt mit der Keeping-up-Theorie radikal gebrochen. Der "neue Konsumismus", den sie in ihrem jüngsten Buch "The Overspent American" (Basic Books, New York 1998) vorstellt, offenbart das Porträt eines globalen Wettbewerbsverbrauchers, für den die Joneses keine Grenze mehr darstellen. Die meisten Amerikaner, schreibt Frau Schor, kennen ihre Nachbarn ohnehin nicht. Denn Frau Jones ist längst berufstätig, die Vereinskultur liegt darnieder, und die Freizeitaktivitäten haben sich im Fitneßclub individualisiert. Der Referenzrahmen, innerhalb dessen wir unser Ausgaben- und Konsumverhalten orientieren, sei viel breiter geworden, sagt die Ökonomin: Er richte sich zum Beispiel aus an den Ansprüchen und Einkommen der Kollegen am Arbeitsplatz, wo der Jungmanager mit einem Jahresgehalt von 30000 Dollar den Vizepräsidenten des Konzerns kennenlernt, der 300000 Dollar zuzüglich Boni und Stock options bezieht. Ihn will er imitieren. Der globale Verbrauchergeschmack richtet sich aber auch nach den Vorbildern aus Fernsehen, Internet und Zeitschriften, die - wie die Listen in Vogue oder Forbes - regelmäßig über das Konsumverhalten der reichsten Männer (und Frauen) der Welt unterrichten.

          Die Analyse der Harvard-Ökonomin ist originell; die Therapie, die sie anbietet, ist es nicht. Sie liegt ganz auf der Linie ihres Vorgängerbuches von 1992: "The Overworked American": Die Amerikaner seien überarbeitet, weil der nimmersättigende Kreislauf des Arbeitens, Geldverdienens und Konsumierens sie in krankhafter Bewegung halte. Wären sie mit dem Lebensstandard der Nachkriegszeit zufrieden, könnte die Arbeitszeit halbiert und für neue Muße verwendet werden. Wenn die Ökonomin zur Prophetin wird, hat sie nicht mehr anzubieten als die Konsumkritik der alten Frankfurter Schule: Der Sozialwissenschaftler maßt sich ein Wissen über wahre Konsumbedürfnisse und zumutbare Arbeitszeiten an. Statt daß jeder Amerikaner einen eigenen fahrbaren Rasenmäher besitze, sollten sich die Nachbarn besser zu einer Rasenmähergenossenschaft zusammenschließen, rät Frau Schor. Das fördere zudem die Geselligkeit. So rede eine Harvardwissenschaflerin, die nur die handtuchgroßen Gärten der Ostküste kennengelernt habe, spottete jüngst die New York Times.

          Originell sind dagegen die Überlegungen, die Andrew Stark, Management-Professor an der Universität Toronto, jetzt im Times Literary Supplement (Nr. 4971 vom 10. Juli) an die These vom Tod der Joneses anschließt. Stark erinnert an den Vater aller Konsum-Theorien, Thorstein Veblen, dessen "Theorie der feinen Leute" vor hundert Jahren den Gründen für den "demonstrativen Konsum" auf die Spur zu kommen suchte. Veblen trieb die Frage um, wie es komme, daß im sinnlosen Konsum verschwendeter Reichtum das Ansehen der Menschen erhöhe, während Macht- oder Schönheitsverluste auch Statuseinbußen nach sich zögen. Verschwenderischer Konsum mache Reichtum erst sichtbar, war Veblens Antwort. Statt die Ausgaben vom überdimensionierten Swimmingpool vom Vermögen abzuziehen, läßt der Schwimmpalast uns überhaupt erst auf die mögliche Dimension des Wohlstands schließen. Für den ökonomischen Semiotiker wird deshalb der Konsum zum Signifikator des Wohlstands. Einiges spricht dafür, daß der Reichtum heute selbst sichtbar ist und des Konsums dafür nicht mehr bedarf; denn Einkommen und Wohlstand werden quantifizierbar. Nach Bekanntgabe der Fusion von Chrysler und Daimler konnte alle Welt den ganz beachtlichen Einkommensunterschied zwischen Robert Eaton und Jürgen Schrempp nachfühlen. Weil wir wissen, daß Ted Turner auf Platz 28 der Liste der reichsten Männer steht, verführt seine Spende von einer Million Dollar an die Vereinten Nationen uns nicht mehr dazu, Turner für einen der zehn reichsten Männer zu halten.

          Freilich gibt es zwei Voraussetzungen für die neue Sichtbarkeit des Reichtums, die beide wohl nur in den Vereinigten Staaten gelten. Bezifferte Ranglisten von Einkommen und Vermögen sind üblich, weil der gesellschaftliche Neid längst nicht so ausgeprägt ist wie hierzulande. Der Anreiz, dem Reichen nachzueifern, ist jedenfalls größer als die natürliche Mißgunst. Hinzu kommt: Die Skala des Wohlstands unterliegt einer weitaus größeren Spreizung, andernfalls bliebe das Ranking uninteressant. Das freilich führt zur paradoxen Konsequenz, daß in der egalitären Gesellschaft Deutschlands Wohlstand und Einkommenshöhen unsichtbar bleiben. RAINER HANK

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