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Rezension: Sachbuch : Je länger, desto lieber

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Ein kühner Entwurf, aus dem nichts wurde: Frank Lloyd Wright wollte es noch einmal wissen und plante einen Wolkenkratzer

          Am Ende seines schaffensreichen Lebens griff Frank Lloyd Wright, der als der berühmteste Architekt Amerikas in die Geschichte eingehen wollte, nach den Sternen. Zur Gründung der gleichnamigen Stiftung hatte ihm die Stadt Chicago im Oktober 1956 einen Ehrentag eingerichtet - diese Anerkennung wurde ihm wohl als einzigem Architekten der Vereinigten Staaten zuteil -, zu dem er seinen kühnsten, freilich nie realisierten Entwurf präsentierte: den 1600 Meter hohen Wolkenkratzer Mile-High Illinois.

          Auf der acht Meter hohen, farbigen Planungsskizze ragte ein glasverkleideter und goldglänzender Turm empor, der auf einer gestuften Treppenbasis in der Form eines Drachenvierecks ruhte. Die Auskragungen der Fahrstuhlschächte in unterschiedlichen Höhen erinnerten dabei an die steilen Kanten eines glatten Felsgesteins, in das an drei Ecken hohe, schroffe Portale eingebrochen waren. Ein mächtiges, spitz zulaufendes Fundament verankerte den Turm im Boden. Die stufenförmig angelegten Basisgeschosse boten nach den Angaben Wrights, des Verfechters des Individualverkehrs, Platz für 15000 Fahrzeuge und 100 Hubschrauber. Auch die technischen Finessen im Innern des meilenhohen Turmhauses beeindruckten die Zuhörer: Die 550 Geschosse sollten mit atomar betriebenen Aufzügen verbunden werden, die die 1600 Meter Höhenunterschied mit einhundert Kilometern in der Stunde überwinden sollten. Zum bescheidenen Vergleich: Die Fahrstühle des 452 Meter hohen Sears Tower in Chicago, des derzeit zweithöchsten Gebäudes der Welt, erreichen eine Geschwindigkeit von 32 Kilometern pro Stunde.

          In seiner Rede verglich Wright die Konstruktionsweise des Turmes mit der eines Baumes mit Ästen und Wurzeln. Er stellte den Entwurf des Mile-High als technische Weiterentwicklung seiner früheren Bauten dar, nicht ohne dabei zu erwähnen, welch weltweite Beachtung seine Planungen in renommierten Fachzeitschriften und in der New York Times, die seine Wohntürme St. Mark's in the Bouwerie (1929 vollendet) in New York City auf dem Titel des Times Magazine abgebildet hatte. In den dreißiger Jahren hatte Wright diese Entwürfe, die auf zentralen Stützen und freitragenden Auslegerplatten beruhten, weiterentwickelt und unter Verwendung der zeitgemäßen Materialien Glas und Stahlbeton die Idee einer organischen Architektur modernisiert. Nach diesem nicht eindeutig definierten Begriff, der sich an die Konstruktionsprinzipien der Chicagoer Schule und insbesondere an den Lehrer Wrights, Louis Sullivan, anlehnt, ließ sich die äußere Gestalt eines Gebäudes zwingend von dessen innerer Struktur ableiten. Als erster Theoretiker des modernen Wolkenkratzers hatte Sullivan diese Skelettbauweise in seinem Essay "The Tall Office Building artistically considered" auf die Formel "Form follows Function" gebracht.

          Die Beschriftung der Präsentationsskizze des Mile-High bezeichnete den Wolkenkratzer als "Sky-City", als dessen Wegbereiter Wright Ingenieure und seinen zweiten Arbeitgeber Sullivan nannte. Auch die Technischen Hochschulen in Darmstadt und Zürich erwähnte der Bildtext. Beide Universitäten hatten dem Architekten, der lediglich über einen Zeichenkurs seinen Berufsweg eingeschlagen hatte, die Ehrendoktorwürde verliehen.

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