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Rezension: Sachbuch : Je länger, desto lieber

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Die unrealisierbaren Dimensionen verweisen Wrights Mile-High in die phantasiebeherrschte Sphäre der visionären Architektur. Wenn Wright in der Präsentationsskizze von einem Betrachter in luftiger Höhe ausgeht, folgt er der Tradition der Architekturutopien, die oft einen überirdischen Betrachterstandpunkt berücksichtigten. Der Kritiker der auf einem gitterförmigen Raster angelegten amerikanischen Großstädte, deren Zentren er von vielgeschossigen Gebäudetürmen überwuchert fand, entwarf den Mile-High als Fanal gegen die übliche Ballung von Wohn- und Geschäftsräumen. In den Straßenschluchten der Großstadt witterte Wright den Ruch von Kommerz und Sünde und zog zeitlebens die Bewohnung ländlicher, der natürlichen Umgebung angepaßter Häuser vor. Bei der utopischen Sky-City nahm er eine gewaltige vertikale Verdichtung in Kauf, um den Riesenturm aus einer parkähnlichen Landschaft aufragen zu lassen.

Folgerichtig spann Wright vor Studenten seine Planung als Symbiose von Stadt und Natur weiter: "Baute man drei von ihnen - zwei davon im Central Park -, könnte man den Rest der Stadt (New York) zerstören". Einen Impuls für die Wolkenkratzerutopie könnte auch das Manifest der futuristischen Architektur (1914) des Italieners Antonio Sant'Elia gegeben haben, das 1956 erstmals vollständig im Juliheft einer italienischen Fachzeitschrift abgedruckt und ins Englische übersetzt wurde. Raschke vermutet, die Forderung Sant'Elias, Aufzüge dürften nicht im Innern eines Gebäudes verborgen werden, sondern müßten sich wie Schlangen aus Glas und Stahl an der Fassade emporwinden, habe die auskragenden Fahrstuhlschächte des Mile-High provoziert.

Wrights eigene schriftliche Äußerungen zu Wolkenkratzern fallen eher widersprüchlich aus. Einerseits kann er sich nächtens nicht der Faszination ihrer aufragenden Formen und der Lichtreflexionen entziehen, andererseits sieht er in ihnen die Auswüchse kapitalistischen Gewinnstrebens. Rechtfertigen kann er den Bau von Wolkenkratzern nur, wenn sie als einzeln stehende und von Parkflächen umgebene Gebäude erscheinen. Die möglicherweise von Wright erhoffte Diskussion um eine zukünftige Städteplanung wurde durch die Präsentation nicht entfacht. Im Land der Superlative löste der Entwurf allein die Frage aus, ob ein solcher Monumentalbau realisierbar wäre. Wahrscheinlich wurde der Bautypus des Skyscraper in seiner Heimat nicht mehr in Frage gestellt. Schon William A. Starrett schrieb 1928 in der ersten umfangreichen Darstellung des Wolkenkratzers, er sei eine "vollständig amerikanische Schöpfung", indem er alles, was vorher unternommen worden sei, an Umfang, Schnelligkeit, Nützlichkeit und Wirtschaftlichkeit übertreffe. Darin verkörpere er geradezu ideal die Zivilisation Amerikas und sei zum Eckstein des amerikanischen Fortschritts geworden.

Nicht die technische Ausführung, auf die sich Wrights anschließende Entwürfe konzentrierten, gab schließlich neue Impulse für die kommende Wolkenkratzer-Architektur, sondern vielmehr die Konzeption des Baues als Solitär mit einer allseitigen Fassade und einem oberen Abschluß, der sich konsequent aus dem Entwurf ableitete. Wright wandte sich damit gegen den in den fünfziger Jahren verbreiteten Bau phantasieloser "Kästen", die sich aus der funktionalistischen Architektur entwickelt hatten. BRITTA SCHMID

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