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Rezension: Sachbuch : Je länger, desto lieber

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Die Kunsthistorikerin Brigitte Raschke (Frank Lloyd Wright: "The Mile High Illinois. Utopie oder Architekturkritik?", München 1996) analysiert die Beweggründe des früheren Anhängers von Flachbausiedlungen und Präriehäusern, einen Wolkenkratzer in utopisch hohen Dimensionen zu entwerfen. Polemisierte der Architekt mittels der maßlos übertriebenen Dimensionen gegen die zeitgenössische Wolkenkratzerarchitektur, die sich in einer raschen Folge von Abriß und Aufbau einem dynamischen Fortschrittsglauben unterwarf? Oder drängte den Planer der Wunsch, einen Bautypus der Superlative zu schaffen, der den folgenden Generationen als Wegweiser dienen sollte?

Auf einer zweiten, kleineren Entwurfszeichnung gesellten sich der Eiffelturm als Monument der Industrialisierung, das damals welthöchste Gebäude Empire State Building sowie die Cheopspyramide als Symbol der Dauerhaftigkeit zum Mile-High, der damit den krönenden Abschluß der Baukunst und zugleich als vertikaler Superlativ ein modernes Weltwunder bildete. Wrights Entwurf läßt sich auch als Reaktion auf den 1955 vieldiskutierten und in der amerikanischen Zeitschrift The Architectural Forum publizierten Plan eines 635 Meter hohen Fernsehturms interpretieren, den der Genter Architekturprofessor Gustave Magnel für die Brüsseler Weltausstellung von 1958 vorgeschlagen hatte. Die dem Stuttgarter Fernsehturm vergleichbare Konstruktion sah in 500 Meter Höhe Büroräume, Konferenzsäle, Rundfunkstudios und meterologische Meßstationen vor und sollte 1500 Menschen aufnehmen können. Wright wird Magnels Entwurf gekannt haben, gab er doch ein Jahr nach der Präsentation in Chicago vor, sein Entwurf sei aus dem Auftrag, den höchsten Fernsehturm der Welt zu bauen, entstanden.

Allerdings verstieß seine Konstruktion gegen jegliche Profitinteressen. Mit dem sich stark verjüngenden Turmpfeiler - das oberste Geschoß hätte gerade noch zwanzig Quadratmeter Raumfläche besessen, die Basisgeschosse dagegen Ausmaße von mehr als 9000 Quadratmetern - mißachtete er das dem Bautypus eigene Prinzip der vertikalen Addition, das die in der Höhe sprunghaft steigenden Realisierungskosten erst rentabel machte. In Wrights Plänen war zudem je Geschoß fast die Hälfte der Fläche für Aufzüge und Korridore vorgesehen, womit die Unterbringung von 130000 Personen ebenso unrealistisch erscheint wie die Planung von lediglich drei Zugängen zum Gebäude. Utopische Ausmaße hatte auch der Entwurf der Fahrstuhlanlage des Mile-High: Wright sah 56 über Zahnräder laufende und je fünfstöckige Gondeln vor, die bis zu einhundert Personen befördern sollten. Dank der mit Atomkraft betriebenen Motoren sollte die Gesamtfahrtzeit nur etwa eine Minute betragen.

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