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Rezension: Sachbuch : Für Wohnzimmer ungeeignet: Bildergeschichten aus Zaire

  • Aktualisiert am

          1 Min.

          Dösende Löwen, Hüttenzauber und gaffende Affen - so stellt sich mancher die naive afrikanische Malerei vor. Der zairische Künstler Tshibumba Kanda Matulu erfüllt nur ungern Klischees: Die weite Steppe gibt hier Obdach für Henker und Scharfschützen. Unter dem Regenbogen tobt der Krieg. Tshibumba arbeitet ganz im Stile traditioneller Geschichtenerzähler: "Ich erzähle Dinge durch das Malen. Ich zeige, wie ein Ereignis geschah, errichte ein Monument." Denkmäler sind seine Bilder, gemäß dem "ukumbusho", Stilprinzip in Zaires Genremalerei. Das Wort aus dem Suaheli bedeutet etwa "Erinnerung, die zum Denken bewegt". Im populären Gedächtnis steckt also subversives Potential. Seine Serie "Die Geschichte Zaires" hat Tshibumba als Buchprojekt geplant (Johannes Fabian, Remembering the Present. Painting and popular history in Zaire, University of California Press, London 1996), weil ihm einheimische Wohnzimmer als Forum bluttriefender Bilder ungeeignet schienen.

          Die hundert kitschbunten Werke entstanden 1973 und 1974. Sie zeigen Zaires zerrissene Geschichte von den Ureinwohnern über die belgische Kolonialisation, die Unabhängigkeit bis hin zur Herrschaft Mobutus. Die historischen Momentaufnahmen treffen den Nerv des Betrachters: hitzige Volksredner sind zu sehen, Frauenproteste, Bergarbeiterstreiks, einmarschierende Truppen, Soldaten, die im Sezessionskrieg vor Flugzeugen fliehen. Begleitet werden die morbiden Stilleben und Schlachtfeld-Idyllen von Texten und Gesprächsfetzen Tshibumbas (mit Daten und Fakten steht der Künstler auf Kriegsfuß). Der Meister malte mit Latex und Akryl, die Farben wählte er nach Laune und Versorgungslage aus. Je wichtiger ihm eine Person war, desto mehr Platz räumte er ihr ein. Auch durch die Größe der Flaggen verrät der pseudonaive Künstler, wieviel er von wem hält. Unsere Abbildung zeigt das vergleichsweise lebensfrohe OEuvre "Lumumba, Direktor einer Brauerei". Über den späteren Premierminister sagt Tshibumba geheimnisvoll: "Lumumba zeigte große Intelligenz. Niemand verstand, wie er es tat."

          Den Gerüchten, daß das von ihm verzapfte Gebräu Impotenz hervorrufe, begegnete Lumumba, indem er Freibier verteilte. Zur verschrobenen Bildoptik tragen der raumfüllende Tisch bei und das merkwürdig kleine Haupt. Ob Lumumba bereits mit dem Jenseits telefoniert? Der "Draht zum Himmel" spielt möglicherweise auf Lumumbas Ermordung im Jahre 1961 an. Tshibumbas Werke sind weder purer Afrokitsch noch naiv-primitiv. Die selbstredende Symbolik, die expressive Bildersprache verleihen löwenstarke Energie.

          STEFFEN GNAM

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