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Rezension: Sachbuch : Flüstern vom Tode

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Karl Heinz Bohrers diätetische Osterbotschaft

          3 Min.

          Der Topos von den kleinen Brötchen, die es zu backen gilt, gehört in unseren nachutopischen Zeiten zu den beliebtesten. Kleine Gedanken sind gut, große sind böse. Von diesem Konsens zehrt, so scheint es, eine eigene Abteilung von Kulturkritikern, die sich darauf spezialisiert haben, das Hohelied der Bescheidenheit zu singen. Wer seinen Festvortrag mit dem Appell zum geistigen Maßhalten spickt, gewinnt viel und riskiert nichts. Diätetik der Sinnansprüche, Entsagung überdehnter Erwartungen, Abbau beruhigender Illusionen - lauter geschmeidige Vokabeln, zu denen sich ein Theologe heute genauso gern bekennt wie ein Manager aus der Stahlindustrie. Wie ließe sich effizienter und zugleich kostengünstiger der Eindruck von Nüchternheit, Augenmaß und Realitätsnähe erzeugen?

          Nun ist nicht jede Aussage verkehrt, nur weil sie wohlfeil ist. Angesichts einer expandierenden Sinnvermittlungsbranche spricht tatsächlich viel für einstweilige Verfügungen in dieser Sphäre. Logisch unbefriedigend ist aber, wenn metaphysischer Sinn mit der nicht minder metaphysischen Behauptung seines Gegenteils ausgetrieben werden soll. Das ist vielleicht nicht dasselbe, wie den Teufel mit Beelzebub auszutreiben. Aber statt der versprochenen kleinen Brötchen gibt's dann bloß große Wackersteine. Ein treuer Arbeiter im Steinbruch des metaphysischen Gegensinns ist Karl Heinz Bohrer. Im Blick auf "das Je-schon-zu-Ende-gegangen-sein des eben noch Erlebten" hat er gerade eine Erörterung über "Möglichkeiten einer nihilistischen Ethik" abgeschlossen. Wir finden sie unter dem Titel "Entzauberte Zeit", einem soeben erschienenen Sammelband über den "melancholischen Geist der Moderne" (hrsg. von Ludger Heidbrink, Hanser Verlag, München 1997).

          Wie des öfteren bei Theoretikern der Melancholie ist auch bei Bohrer der melancholische Geist nicht nur Gegenstand der Untersuchung, sondern zugleich ihr verborgenes hermeneutisches Prinzip. Die Struktur seiner Argumentation gleicht denn auch jener der Melancholie: ein dramatisches Schwanken zwischen Depression und Manie. Die Welt: "ein Gesicht im Sand". Ihre Bewohner täuschen sich von einem Tag auf den anderen über "das objektive Desaster der Kategorie Zukunft" hinweg. Kühn schmieden sie ihre Pläne, obwohl sie doch vom "Symbolon Baudelaire" hätten lernen können, daß der Zahn der Zeit jede geplante Zukunft rücksichtslos wieder zur Vergangenheit zermalmt; daß alles zu Ende ist, bevor es begonnen hat; daß Glück nur ein Wort ist. Angesichts solch kontingenter Verhältnisse ist zukunftsgerichteter Schaffensdrang für Bohrer nur um den Preis eines rüden Antiintellektualismus zu haben. Wer heute im Blick auf morgen sagt: "Ich gehe davon aus", ist allemal der Dumme.

          Und doch lebt sich's nur mit solcher Konstanzfiktion gut. Bohrer selbst bedient sich ihrer ohne Federlesens, solange er für sich persönlich am Leben festhält und - Baudelaire einen guten Mann sein lassend - zukunftsselig sein nächstes Buch in Angriff nimmt. Das setzt ein Vertrauen ins Dasein voraus, das sich für Bohrer nur durch eine strikte Trennung von Denken und Leben rechtfertigen läßt. Denn einerseits verbietet sich fürs melancholische Denken eine "Beleihung auf die Zukunft". Andererseits nimmt das Leben seinen Lauf. Bohrer vollzieht die als heroisch erlebte Synthese: Ihm geht es darum, die theoretischen Einsichten "nicht in meine Alltagsmentalität umschlagen" zu lassen. So gesehen, wird jeder Eintritt ins Leben ein Abschied vom Denken.

          Um so unerschrockener kann Bohrer für eine "luzide Reflexion der menschlichen Bedingung" eintreten. In der Welt des manisch auf "Unhintergehbarkeit" dringenden Denkens steht immer schon fest, was in den gemischten Lebensverhältnissen durchaus in Frage steht: die angeblich "nicht zu bestreitenden Elementarien anthropologischer Erfahrung". Welche dieser Elementarien nicht zu bestreiten sind, definiert niemand anderer als Bohrer selbst. "Unvermischt mit peinlich-unbewiesenen Annahmen" setzt er die "anthropologische Erfahrung", daß mit dem Tode alles aus sei. Man staunt, für welche Dezisionismen die Anthropologie doch immer wieder herhalten muß, wenn es hart auf hart kommt. Gegen einen Denker wie Dostojewski, aus dem doch nur "die Konventionalität des religiös inspirierten Zukunftsmenschen" spricht, verkündet der anscheinend mit allen thanatologischen Wassern gewaschene Bohrer seine Osterbotschaft: "Der Tod ist der Beginn des Nichts." Schon die Gleichung Tod und unbekanntes Land sei eine "Lüge". Die Frage, die Kant noch offenließ - Was dürfen wir hoffen? - findet bei Bohrer ihre apodiktische Antwort: nichts.

          Woher man das intellektuelle Zutrauen zu solch peinlich-unbewiesenen Annahmen nehmen soll? Aus der Geheimen Offenbarung der Poesie. Genaugenommen von den Dichtern des poetischen Nihilismus, von Leopardi, Rosanow, Cioran - sprachgewaltige Männer, befähigt zur "illusionsfreien Selbstwahrnehmung". Von Bohrer kanonisiert wurde etwa das Poem "Gedankendämmerung", ein "besonders artikulierter" Text Ciorans von 1941. Darin flüstert der Tod uns zu, "daß Leben virtuelle Letztheit und Werden unendliche todesschwangere Potentialität ist".

          Mit der Diätetik der Sinnansprüche ist es offenbahr wie mit der Diätetik der Nahrungsmittel: Was man sich an der einen Stelle abringt, nimmt man unweigerlich an anderer Stelle um so üppiger wieder auf. Die Kehrseite der Askese ist die Orgie. Der Mensch, der sich ein Leben lang von kleinen Brötchen ernährt, muß erst noch erfunden werden.

          CHRISTIAN GEYER

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