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Rezension: Sachbuch : Enzyklika aus Edinburgh

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Charles Taylor über die Religionstheorie von William James

          In seinen vor knapp hundert Jahren an der Universität Edinburgh gehaltenen "Gifford Lectures" zur "Vielfalt religiöser Erfahrung" zitiert der amerikanische Philosoph William James den Bericht eines "französischen Bekannten", der von einer "entsetzlichen Existenzangst" und dem "Bewusstsein des Abgrundes unter der Oberfläche des Lebens" in einen "Zustand von philosophischem Pessimismus und allgemeiner Niedergeschlagenheit" verfallen sei. Die neueste Literatur zu Leben und Werk von William James lässt keinen Zweifel daran, dass der angebliche französische Freund eine reine Erfindung ist und James hier einer imaginierten Person seine eigene existenzielle Krise wort- und bildreich in den Mund legte (George Cotkin, William James. Public Philosopher, University of Illinois Press, Urbana, Illinois, 1994).

          Das melancholische und schwermütige Moment von James' Charakter ist in der Tat nicht zu übersehen und verdankt sich der Erbschaft zweier scheinbar unversöhnlicher Kulturen. James war einerseits beeinflusst durch jene intellektuellen Zirkel der Harvard-Universität, die die Begeisterung für die Methode und den Fortschritt der Naturwissenschaften zu einem zunehmenden Agnostizismus trieb. Bezeichnenderweise war James anfänglich Schüler des Philosophen Chauncey Wright, der alle metaphysische Spekulation auf Aussagen über "kosmisches Wetter" zurückführen wollte, und des seinerzeit berühmten Biologen Louis Agassiz, den er sogar auf einer Brasilien-Expedition begleiten durfte. Die frühen psychologischen Schriften wiederum, mit denen sich James seinen akademischen Ruf erwarb, empfingen ihre entscheidenden Impulse von den Schriften Charles Darwins.

          Doch für James lastete auf dieser Kultur zentnerschwer eine Hypothek, mit der er sich zeit seines Lebens weder abfinden mochte noch konnte. James war eben auch ein Kind des neuenglischen Protestantismus, auch wenn er ihn in der Form, wie sie ihm der von Swedenborg beeinflusste Vater nahe zu legen versuchte, nicht mehr akzeptieren wollte. Schon 1897, vier Jahre vor seinen Edinburgher Vorlesungen, hatte James in dem Vortrag "The Will to Believe" zwar nicht, wie bis heute kolportiert wird, den "Willen zum Glauben", die voluntaristische Dezision zum Glauben, wohl aber das Recht auf religiösen Glauben im Zeitalter wissenschaftlicher Vernunft mittels einer luziden Argumentation verteidigt.

          Kommt alles nur von innen?

          Dem Projekt einer Versöhnung von wissenschaftlichem Pathos und religiösem Glauben waren auch James' Gifford-Lectures verpflichtet, wobei diese weniger systematisch vorgingen und sich vornehmlich durch die phänomenologische Verpflichtung gegenüber einer Vielzahl detaillierter autobiographischer Äußerungen auszeichneten. Nicht zuletzt deshalb aber haben die "Varieties of religious experience" knapp 100 Jahre nach ihrer erstmaligen Publikation auch für uns Heutige nichts von ihrem Reiz verloren (der Insel-Verlag hat das Werk in Deutsch unlängst neu herausgegeben).

          Die spärliche Rezeption des Buchs durch die zeitgenössische Philosophie steht dazu in merkwürdigem Kontrast. Zu Beginn des Jahrhunderts noch lässt sich in Europa, etwa bei Weber und Troeltsch, vor allem aber bei der katholischen Reformbewegung des Modernismus zugehörenden Autoren wie Émile Boutroux oder Édouard Le Roy, eine lebendige und bemerkenswert kluge Diskussion über James' Religionstheorie entdecken. In den letzten Jahrzehnten hingegen hat sich die Diskussion über James - wenn überhaupt - zunehmend auf Fragen der Wahrheitstheorie verengt.

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