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Rezension: Sachbuch : Energiequelle Erde

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Die Erdwärme als Energiequelle zu nutzen ist eine uralte Idee. So wärmten sich beispielsweise schon die Römer im heißen Wasser der Thermen von Trier oder im britischen Bath und suchten dort gleichzeitig nach Entspannung und Erholung. Kurbäder sind aber nur - wenn ein solcher Vergleich überhaupt erlaubt ist - die Spitze eines Eisberges bei der potentiellen Nutzung der Geothermie.

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          Die Erdwärme als Energiequelle zu nutzen ist eine uralte Idee. So wärmten sich beispielsweise schon die Römer im heißen Wasser der Thermen von Trier oder im britischen Bath und suchten dort gleichzeitig nach Entspannung und Erholung. Kurbäder sind aber nur - wenn ein solcher Vergleich überhaupt erlaubt ist - die Spitze eines Eisberges bei der potentiellen Nutzung der Geothermie. Das in der Erdkruste steckende Wärmereservoir ist nämlich nahezu unerschöpflich, spielte aber bisher bei der Energieversorgung in den meisten Ländern eine nur untergeordnete Rolle. Im großen Stil wird Erdwärme zur Heizung von Gebäuden und Treibhäusern lediglich in Island genutzt. Einige kleinere Projekte gibt es in Neuseeland, Japan und im Land Brandenburg. Weltweit stammen lediglich 52 000 Gigawattstunden aller für Gebäudeheizung, Warmwassererzeugung und Prozeßwärme verbrauchten Energie aus der in der Erde steckenden Hitze. Obwohl sie schon seit Jahrzehnten als umweltfreundlicher Weg zur Stromerzeugung propagiert werden, tragen alle Geothermal-Kraftwerke auf der Welt mit einer installierten Leistung von lediglich 8000 Megawatt zur Stromerzeugung bei. Das entspricht in etwa der Leistung von vier modernen Steinkohlenkraftwerken wie dem in Voerde am Niederrhein.

          Mitarbeiter des Instituts für Geowissenschaftliche Gemeinschaftsaufgaben (GGA) in Hannover haben nun im Auftrag der Europäischen Union die Kenntnisse über die thermischen Verhältnisse in der Erdkruste Europas in einem umfangreichen Atlas zusammengefaßt. Für verschiedene Tiefen werden darin die jeweils im Untergrund herrschenden Temperaturen dargestellt. Dieser Atlas ist nicht nur von geowissenschaftlichem Wert. Weil in ihm das geothermische Energiepotential dargestellt ist, kann er auch als Grundlage für energiepolitische Planungen dienen.

          Die Erschließung geothermaler Energiequellen schreitet stetig voran. Den größten Erfolg verspricht dabei das sogenannte Hot-Dry-Rock-Verfahren (HDR). So wurde jetzt im elsässischen Soultz-sous-Forêts, auf der französischen Seite des Oberrheingrabens, ein zweites Mal bis in 5000 Meter Tiefe gebohrt. Zwischen den beiden benachbarten Bohrungen haben deutsche und französische Geowissenschaftler mit Wasser, das unter hohem Druck in die Bohrlöcher gepreßt wurde, ein Kluftsystem in der Erdkruste geschaffen. Erste Versuche haben nun gezeigt, daß sich kaltes Wasser, das durch eines der Bohrlöcher in das Kluftsystem gepumpt wird, dort im etwa 200 Grad heißen Gestein erwärmt und dann durch das zweite Bohrloch wieder an die Erdoberfläche gelangt. Im kommenden Jahr soll diese Form des Wärmetransportes an die Erdoberfläche weiter untersucht werden. Später ist der Bau eines Versuchskraftwerkes von sechs Megawatt geplant, in dem das vom heißen Gestein erwärmte Wasser zur Stromerzeugung verwendet werden soll.

          Einen ähnlichen Weg zur umweltfreundlichen Herstellung elektrischen Stromes wollen einige deutsche Unternehmen in Offenbach in der Pfalz, knapp 50 Kilometer nördlich von der elsässischen Forschungsstelle, gehen. Im Dezember soll dort der Untergrund geophysikalisch vermessen werden. Anschließend will man ebenfalls zwei Löcher bis in 3000 Meter Tiefe bohren und einen Wasserkreislauf herstellen. Verlaufen diese Untersuchungen erfolgreich, soll dann aus dem heißen Wasser in einem Fünf-Megawatt-Kraftwerk Strom erzeugt werden. Auch die Stadtwerke von Bad Urach auf der Schwäbischen Alb planen ein HDR-Kraftwerk. Dabei kann man auf mehr als 20 Jahre Erfahrung aufbauen, denn seit 1975 wurden in mehreren Bohrungen die Wärmeverhältnisse in den obersten viereinhalb Kilometern der Erdkruste unter Urach untersucht.

          Die westliche Seite des Oberrheingrabens und die Gegend um Bad Urach eignen sich besonders für derartige HDR-Kraftwerke, weil es in der Erdkruste unter diesen Gebieten außergewöhnlich warm ist. Geowissenschaftler sprechen von sogenannten Wärmeanomalien in diesen Gebieten, weil die Gesteinstemperatur dort im Untergrund mit der Tiefe schneller steigt als anderswo. (Suzanne Hurter und Ralph Haenel: "Atlas of Geothermal Resources in Europe, Office for Official Publications of the European Communities". Luxemburg 2002, 88 Karten, 93 Seiten, 200 Euro.)

          hra

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