Rezension: Sachbuch : Einfach fahren
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Erinnerungen an Niklas Luhmann
Die gute Fee wäre an ihm wohl verzweifelt. Ob er denn überhaupt keine Wünsche habe, wollte ein Interviewer 1985 von Niklas Luhmann wissen, es müsse ja nicht gleich die Kältemaschine eines ewigen Weltfriedens sein. Nein, entgegnete freundlich der Ordinarius in seinem berühmten grauen Tweed-Jackett, das Wünschen falle ihm schwer, doch gebe es da schon etwas: "Man möchte natürlich viel Geld haben, daß man nicht über jeden neuen Zahn oder jeden neuen Reifen viel nachdenken muß." Der Traum vom leicht bezahlbaren neuen Reifen lenkt das Interesse des Beobachters auf Luhmanns Auto, den ebenfalls berühmten orangefarbenen Volvo. Ihn steuerte er mit Vorliebe, wenn auch zweifelhafter Fahrkunst durch Bielefelds Straßen.
So wird die Anekdote kolportiert, Luhmann habe auf den Ausfall einer Ampelanlage mit anhaltender Irritation reagiert: Wie sollte er jetzt in diesem Verkehrsdunkel anschlußfähig und lebenssicher kommunizieren? Als die Lage endlich unlösbar geworden war, er die Verkehrswelt nicht mehr verstand, habe er mit dem Ausruf "Ach, ich fahre einfach!" ohne Seitenblicke die Kreuzung überfahren. Man lernt daraus: Systemtheoretiker haben keine Wünsche, aber einen Führerschein. Und ihre erzählte Biographie ist, wie schon Luhmann selbst ahnte, "eine Kette von Zufällen, die sich zu etwas organisieren, das dann allmählich weniger beweglich wird". Unbeweglich ist vor allem das Ende. Vor ihm hören die Alternativen auf.
Niklas Luhmann starb am 6. November 1998. Sein Tod, so hätte er wohl gesagt, ist nicht mehr sein Problem. Anders sehen es die Hinterbliebenen. Zu ihnen zählen sich gerade auch seine Studenten und Mitarbeiter, die ihren Meister - mit oder ohne Anführungszeichen geschrieben - durch eingesammelte Erinnerungen jetzt haben ehren wollen. Entstanden ist ein Buch, das den Unscheinbaren zum Vorschein bringen will, 41 Porträts eines relativ Unmarkierten (",Gibt es eigentlich noch den Berliner Zoo?' Erinnerungen an Niklas Luhmann". Hrsg. von Theodor M. Bardmann und Dirk Baecker. Universitätsverlag Konstanz, Konstanz 2000.)
Ohne Zweifel hätte Luhmann das Paradox behagt, gerade ihm, dem vermeintlich kühlen Sozialtechnologen, ein solch unakademisches Memorialwerk zu widmen. Ob es auch dem Leser behagt, ist allerdings ungewiß. Denn die meisten Beiträger, denen niemand die Eigentümlichkeit dieser seltenen Nachrufgattung nahegebracht hat, irren etwas zwischen Anekdotenallerlei und systemtheoretischem Begriffspotpourri umher. Das Individuum, so haben sie alle als Einstiegszumutung bei Luhmann lernen müssen, sei keine kommunizierbare Größe, nichts, mit dem zu reden ist. Und ausgerechnet sie müssen jetzt dieses diffuse Umweltfaktotum rekonstruieren.
Einig sind sich alle Beiträger darin, Höflichkeit als Luhmanns wichtigste Charaktereigenschaft vorzustellen. Allerdings beginnen bei der Feinabstimmung dieser Höflichkeit Unterschiede, die tatsächlich eine Differenz ausmachen. Was der eine als wohltuend leise empfand, befremdete den anderen wie eine chinesische Maske; lobt jener die angenehme Zurückhaltung im Gespräch, ist es für diesen nur ein kleiner Schritt zur Klage über die "Limitiertheit der Interaktion", also einer schmerzhaften Erkältung, die wohl dadurch verletzen konnte, daß sie niemanden verletzen wollte. "Ich schlage vor" muß eine der Formeln gewesen sein, mit denen Luhmann jedes Gespräch freundlich lenkte. Auch die meisten Beiträger schlagen vor, scheuen also in ihrer Mehrzahl das treffende Wort.
Von einnehmender Ungerechtigkeit sind nur die alten Kongreßgefährten aus Dubrovniker Tagen, die schon ein Leben jenseits der Systemtheorie hatten und vor dem Urteil nicht zu lange und gewunden mit ihren blinden Flecken hadern. Hans Ulrich Gumbrecht und Friedrich Kittler erinnern den stillen Herrn Luhmann auf eine zupackende Art, und beide nennen Marotte, was nun einmal Marotte war, etwa Luhmanns Vorliebe für Schokolade, die Nahrung zuführte und doch nicht vom Umbättern der Buchseiten abhielt.
Natürlich nähren solche Anekdoten auch den Mythos vom Descarteschen Selbstversuch, die Bedürfnisse des Körpers zu ignorieren und ihn ganz der Geistproduktion zu unterstellen. Solche Anekdoten aus den Hinterzimmern der Universität sind Teil einer jahrhundertealten "Curieusen Historie derer Gelehrten", von denen J.A. Bernard schon im siebzehnten Jahrhundert die "Fata gelehrter Leute im Mutterleibe" zu erzählen wußte. Auch Luhmann steuerte zu Lebzeiten manche Begebenheit zu diesem Longseller bei - und es gehört zu den Eigentümlichkeiten des Buches, nichts als diese Fassade zu bewahren: Man beschreibt die Begegnungen mit jemandem, der selbst nur aus Schreiben bestand; und man darf nur gute Worte über jemanden finden, dem nichts so ungenießbar war wie das Gutfinden.
Auffallend ist, wie viele Konversionsgeschichten in diesem Buch erzählt werden. Als Alt-Achtundsechziger, als ewiger Besucher der Frankfurter Abendschule, als Habermas-Sammelbandsammler ist mancher Beiträger nach Bielefeld gekommen, um vor dem Leibhaftigen seine Beständigkeit zu beweisen. Doch überwältigt von Luhmanns praktizierter Toleranz, hat er dann der nur theoretisch behaupteten abgeschworen und Bielefeld nie mehr verlassen. Das macht seine Lage jetzt so prekär. Die in den Porträts grassierende Versicherung, Luhmann habe lediglich einen Denkstil - und keine Dogmatik - gelehrt, ist auch eine Freiheitsbehauptung der Hinterbliebenen. Sie müssen jenseits des Jargons ihre Abnabelung - die Tauglichkeit zum meisterlosen Leben - unter Beweis stellen. Das erklärt die Rede über den Toten immer auch zu einer über die eigene Befindlichkeit. Abstand halber Tacho: Luhmann hätte diese Selbsterhaltungsregel sofort eingeleuchtet.
THOMAS WIRTZ