https://www.faz.net/-gwz-11wpa

Quantengravitation : Die Abschaffung der Zeit

Sollte sich die Entwicklung dieses planetaren Nebels nur einer Illusion von Zeitlichkeit verdanken, die in einer tatsächlich fundamentalen Theorie nicht mehr zu finden ist? Bild: dpa

Wie lassen sich die beiden grundlegenden, aber unverträglichen Theorien der Physik, Gravitationstheorie und Quantenmechanik, zusammenführen? Ein junger Kölner Professor für theoretische Physik hat zu dieser Frage ein exzellentes Buch geschrieben.

          6 Min.

          „Für uns gläubige Physiker“, schrieb Albert Einstein kurz vor seinem Tod, „hat die Scheidung zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nur die Bedeutung einer wenn auch hartnäckigen Illusion.“ Das Zitat ist wie geschaffen für eine Trauerrede. Mancher hat sich vielleicht auch schon ausbedungen, in seiner Todesanzeige möge das Bonmot den Psalmvers ersetzen - wobei dann die Pietät gebietet, die ersten vier Worte wegzulassen: Ein Physiker glaubt doch nicht. Er weiß.

          Ulf von Rauchhaupt

          Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Nun ist aber auch das Wissen der Physiker noch immer Stückwerk. Und am weitesten klaffen die Nähte tatsächlich bei der Frage nach der Zeit. Denn diese hängt eng mit dem Problem zusammen, dessen Lösung zuweilen als „Weltformel“ apostrophiert wird: Wie lässt sich die im Makrokosmos bewährte Einsteinsche Gravitationstheorie mit der die submolekulare Welt durchwaltenden Quantenphysik unter einen mathematischen Hut bringen?

          Die Suche nach dem mathematischen Hut

          Die Versuche, eine solche Theorie der Quantengravitation zu konstruieren, haben schon mehrere Theoretikergenerationen verschlissen - und schuld daran sind nicht zuletzt die völlig inkompatiblen Zeitbegriffe: In der Quantenphysik bleibt das physikalische Geschehen genauso in einen äußeren Zeitablauf eingebettet wie die Stühle und Steine unserer Anschauungswelt. In der Gravitationstheorie dagegen ist die Zeit kein externer Taktgeber mehr, sondern verändert sich nach Maßgabe dessen, was in ihr geschieht.

          Es ist eines der Verdienste des Buches von Claus Kiefer, einem breiteren Publikum diesen Zusammenhang zwischen dem alten Zeitproblem und der modernen Physik vor Augen zu führen. Und abgesehen von Roger Penroses monumentalem Werk „The Road to Reality“ ist es das vielleicht reichhaltigste und genaueste Buch, das gegenwärtig zu dem Thema zu haben ist und das am eindringlichsten erklärt, was die auf diesem Gebiet tätigen Wissenschaftler wirklich umtreibt.

          Drei Kandidaten

          Dabei scheint der junge Kölner Professor für theoretische Physik auf den ersten Blick nur getan zu haben, was Stephen Hawking und mancher andere Physiker auch schon unternommen haben: ein Buch über die eigene Lieblingstheorie zu schreiben, das gleichwohl verheißt, ganz allgemein in das geheime Wissen der Physiker einzuweihen. Doch „Der Quantenkosmos“ ist keine solche Mogelpackung.

          Das Buch ist tatsächlich allgemeinverständlich, allerdings nicht in einem platten, Anstrengungslosigkeit versprechenden Sinn. Sein Stil ist klar und ohne die bemühten Begriffscartoons, die manches dickleibigere Werk angelsächsischer Provenienz zwar vielleicht leichter lesbar, aber damit noch lange nicht leichter verständlich machen. Kiefer schreibt knapp, doch mit Geduld und Bereitschaft zum gelegentlichen Zurückblättern lässt sich das enorme Panorama, das er ausschreitet, auch ohne Physik-Vordiplom verstehen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Sollen die SPD zu neuen Höhen führen: Norbert Walter-Borjans (links) und Saskia Esken, hier mit der kommissarischen Parteivorsitzenden Malu Dreyer

          Parteitags-Chat : Wie hält’s die SPD mit der Groko?

          Wohin steuern die designierten Vorsitzenden Esken und Walter-Borjans? +++ Stehen sie zur Koalition mit CDU und CSU? +++ Können sie die Partei versöhnen? +++ Verfolgen Sie die Reden des neuen SPD-Führungsduos im Parteitags-Chat der F.A.Z.
          Historischer Altbau oder doch die Hochhauswohnung? Was sich die Deutschen leisten können, hängt nicht nur von der Region ab, sondern kann auch je nach Stadtviertel stark variieren.

          F.A.Z. exklusiv : So teuer ist Wohnen in Deutschland

          Eine Bude in München oder doch lieber das große Traumhaus in Thüringen? Der F.A.Z. liegen exklusiv Zahlen vor, die belegen, wie groß die Preisunterschiede zwischen Städten, Regionen und sogar Stadtteilen tatsächlich sind.

          Bei Auftritt in Iowa : Joe Biden beschimpft Wähler

          Bei einer Wahlkampfveranstaltung in Iowa beschimpft Joe Biden einen 83 Jahre alten Mann als Lügner, weil der ihn wegen der Ukraine-Affäre kritisiert: „Ich wusste, dass Sie mich nicht wählen werden, Mann, Sie sind zu alt.“
          Erinnert ein wenig an einen Fernsehturm: Der Baum auf dem Weihnachtsmarkt in Vilnius.

          Europas Weihnachtsbaum-Contest : O Tannenbaum!

          Der Weihnachtsbaum ist auch nicht mehr, was er einmal war. Verstößt er gegen die ökologische Correctness? Soll eine Attrappe aus Plastik her? Wenigstens wissen wir, wo Europas angeblich schönster Christbaum steht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.