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Quantengravitation : Die Abschaffung der Zeit

Sollte sich die Entwicklung dieses planetaren Nebels nur einer Illusion von Zeitlichkeit verdanken, die in einer tatsächlich fundamentalen Theorie nicht mehr zu finden ist? Bild: dpa

Wie lassen sich die beiden grundlegenden, aber unverträglichen Theorien der Physik, Gravitationstheorie und Quantenmechanik, zusammenführen? Ein junger Kölner Professor für theoretische Physik hat zu dieser Frage ein exzellentes Buch geschrieben.

          „Für uns gläubige Physiker“, schrieb Albert Einstein kurz vor seinem Tod, „hat die Scheidung zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nur die Bedeutung einer wenn auch hartnäckigen Illusion.“ Das Zitat ist wie geschaffen für eine Trauerrede. Mancher hat sich vielleicht auch schon ausbedungen, in seiner Todesanzeige möge das Bonmot den Psalmvers ersetzen - wobei dann die Pietät gebietet, die ersten vier Worte wegzulassen: Ein Physiker glaubt doch nicht. Er weiß.

          Ulf von Rauchhaupt

          Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Nun ist aber auch das Wissen der Physiker noch immer Stückwerk. Und am weitesten klaffen die Nähte tatsächlich bei der Frage nach der Zeit. Denn diese hängt eng mit dem Problem zusammen, dessen Lösung zuweilen als „Weltformel“ apostrophiert wird: Wie lässt sich die im Makrokosmos bewährte Einsteinsche Gravitationstheorie mit der die submolekulare Welt durchwaltenden Quantenphysik unter einen mathematischen Hut bringen?

          Die Suche nach dem mathematischen Hut

          Die Versuche, eine solche Theorie der Quantengravitation zu konstruieren, haben schon mehrere Theoretikergenerationen verschlissen - und schuld daran sind nicht zuletzt die völlig inkompatiblen Zeitbegriffe: In der Quantenphysik bleibt das physikalische Geschehen genauso in einen äußeren Zeitablauf eingebettet wie die Stühle und Steine unserer Anschauungswelt. In der Gravitationstheorie dagegen ist die Zeit kein externer Taktgeber mehr, sondern verändert sich nach Maßgabe dessen, was in ihr geschieht.

          Es ist eines der Verdienste des Buches von Claus Kiefer, einem breiteren Publikum diesen Zusammenhang zwischen dem alten Zeitproblem und der modernen Physik vor Augen zu führen. Und abgesehen von Roger Penroses monumentalem Werk „The Road to Reality“ ist es das vielleicht reichhaltigste und genaueste Buch, das gegenwärtig zu dem Thema zu haben ist und das am eindringlichsten erklärt, was die auf diesem Gebiet tätigen Wissenschaftler wirklich umtreibt.

          Drei Kandidaten

          Dabei scheint der junge Kölner Professor für theoretische Physik auf den ersten Blick nur getan zu haben, was Stephen Hawking und mancher andere Physiker auch schon unternommen haben: ein Buch über die eigene Lieblingstheorie zu schreiben, das gleichwohl verheißt, ganz allgemein in das geheime Wissen der Physiker einzuweihen. Doch „Der Quantenkosmos“ ist keine solche Mogelpackung.

          Das Buch ist tatsächlich allgemeinverständlich, allerdings nicht in einem platten, Anstrengungslosigkeit versprechenden Sinn. Sein Stil ist klar und ohne die bemühten Begriffscartoons, die manches dickleibigere Werk angelsächsischer Provenienz zwar vielleicht leichter lesbar, aber damit noch lange nicht leichter verständlich machen. Kiefer schreibt knapp, doch mit Geduld und Bereitschaft zum gelegentlichen Zurückblättern lässt sich das enorme Panorama, das er ausschreitet, auch ohne Physik-Vordiplom verstehen.

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