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: Nicht nur mit den Augen des Westens

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Noch immer ist der allgemeine westliche Blick auf die ostasiatische Kunst leicht vernebelt. Man hat eine gewisse Vorstellung von der chinesischen Tuschlandschaft oder den japanischen Farbholzschnitten. Aber die Vielfalt der Gattungen, allein schon der Malerei oder der Skulptur, ist unbekannt geblieben. Kommt ...

          Noch immer ist der allgemeine westliche Blick auf die ostasiatische Kunst leicht vernebelt. Man hat eine gewisse Vorstellung von der chinesischen Tuschlandschaft oder den japanischen Farbholzschnitten. Aber die Vielfalt der Gattungen, allein schon der Malerei oder der Skulptur, ist unbekannt geblieben. Kommt es doch einmal zu Begegnungen, dann hindert nicht selten eine gewisse Fremdheit die unmittelbare Auseinandersetzung. Da bietet sich, gleichsam als Vermittlerin, die sowohl in Europa wie in Ostasien eine große Rolle spielt, die Porträtkunst an. An ihr lassen sich die Unterschiede wie die Berührungspunkte am einleuchtendsten aufweisen. Sie kann sogar Möglichkeiten zu einem Einstieg in die Welt der ostasiatischen Kunst bieten. Der Unterschied ist hier weniger groß als etwa in der Landschaftsmalerei - zumal die Aufgaben der Bildgattung des Porträts in beiden Sphären doch recht ähnlich sind. Geht es doch darum, den gesellschaftlichen Rang einer Person zu dokumentieren oder das Wesen eines Menschen vorzustellen.

          Bislang gab es jedoch in westlichen Sprachen kaum eine gründliche Darstellung dieses Themas. Dem Mangel hat nun Dietrich Seckel, Nestor der ostasiatischen Kunstgeschichte, in einer umfassenden Untersuchung der ostasiatischen Porträtkunst abgeholfen, die jede Möglichkeit zur Erforschung wie auch Anregungen zu Vergleichen bietet (Dietrich Seckel, Das Porträt in Ostasien, Band 2, Teil II. Universitätsverlag Carl Winter, Heidelberg 2005). In seinem Werk beleuchtet Seckel alle Aspekte dieses Gegenstandes: die Porträttypen, ihre unterschiedlichen Funktionen und schließlich die Porträtgestaltung.

          Menschliche Ausstrahlung

          In einer bislang kaum für möglich gehaltenen Klarheit widmet sich Seckel dem Problem des Ausdrucks. Er unterscheidet zwischen formellem und informellem Porträt. Während das erste einen "unwillkürlichen Ausdruck" zeige, der "Dauer besitzt", so erweise sich das informelle Bildnis als psychologisch, von Stimmungen geprägt. Doch die Gesichter der formellen Porträts erscheinen durchaus nicht schematisch stilisiert, aber bestimmt von "sachlicher Objektivität", bestimmt durch gesellschaftliche Begrenzungen.

          Ein solches Gesicht strahlt Würde und Ernst aus, als sei der Porträtierte sich bewußt, daß er hier nicht als Individuum dargestellt ist, sondern als der Repräsentant eines Standes. Verdeutlicht wird dies durch den Blick, der nicht auf den Betrachter gerichtet ist, sondern schräg an ihm vorbeigeht. Stellt man sich zum Vergleich die europäischen Repräsentationsporträts vor, die Ahnengalerie des Adels oder die Vorgängergalerien der Geistlichen in den Kirchen, so treten auch sie nicht in Kommunikation mit dem Betrachter. Sie schauen ins Leere, über die Untertanen hinweg, die Geistlichen auch im Halbprofil aus dem Bild heraus. In beiden Kulturkreisen haben die formellen Porträts ganz ähnliche Funktionen, die sich in ähnlichem Ausdruck wie zum Beispiel der Vermeidung des Blickkontaktes manifestieren. So wäre schon hier ein Moment der Fremdheit überwunden.

          Seckel nimmt nun jedes charakterisierende Phänomen unter die Lupe. So ist bedeutsam die Darstellung des Lächelns - in beiden Kulturen erscheint es selten, und manchmal endet es in hilflosen Versuchen. Aber dann gelingt es doch wieder sehr eindrucksvoll - so dem berühmten chinesischen Porträtisten Tseng Ching mit dem Bildnis des Dichters und Schreibmeisters Ku Meng-yu vor einer Landschaft von Chang Feng sitzend. Er zeigt ein breites, ja warmherziges Lächeln aus den Augenwinkeln mit einem Anflug von Ironie. Aber wahrscheinlich kann man es nicht als ausgesprochen formelles Porträt bezeichnen, trotz der strengen Darstellung en face. Bei den formellen europäischen Porträts sucht man das Lächeln vergebens - die eine große Ausnahme ist natürlich die Mona Lisa.

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