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: Kosmische Faune und Kentauren

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"Constellation", das ehrgeizigste Raumfahrtprogramm der Amerikaner, ist der Rezession zum Opfer gefallen. Seit Februar ist der Plan, im Jahre 2037 von einer ständigen Mondbasis aus zum Mars aufzubrechen, nicht mehr bloß verschoben, sondern aufgehoben. So dürfen jetzt wieder die beliebten Phantasien ...

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          "Constellation", das ehrgeizigste Raumfahrtprogramm der Amerikaner, ist der Rezession zum Opfer gefallen. Seit Februar ist der Plan, im Jahre 2037 von einer ständigen Mondbasis aus zum Mars aufzubrechen, nicht mehr bloß verschoben, sondern aufgehoben. So dürfen jetzt wieder die beliebten Phantasien von Lebewesen auf dem Roten Planeten blühen, die vom alten Mythos Marsmensch bis zur modernen Fahndung nach einst vorhandenen Mikroorganismen im von "Rover" durchpflügten Untergrund reichen.

          Vor allem literarisch träumen Menschen schon lange von solchen kühnen Weltraummissionen, allenthalben seit der Frühen Neuzeit (F.A.Z. vom 28. Januar 2004). Bereits 1610 treiben Johannes Kepler in seiner "Dissertatio cum nuncio sidereo" Gedanken an Fluggeräte um, mit denen "Kolonisten aus unserem Menschengeschlecht" sich ins All aufmachen könnten - etwa zum Mond wie in seinem fast gleichzeitigen Roman "Somnium". Wie aber die Transportfrage zu lösen sei, können 1638 weder John Wilkins in "The Discovery of a World in the Moone" noch Francis Godwin in "The Man in the Moon" befriedigend beantworten. Godwins Wildgansgespann als Triebwerk erscheint nach der beigefügten Abbildung jedenfalls wenig vertrauenswürdig. Und Cyrano de Bergeracs Einfall in "Estats et empires de la lune" (1657), die Anziehungskraft der Sonne auf Morgentau zu nutzen, wirkt äußerst phantastisch.

          Die erste deutsche Science-Fiction-Erzählung versucht da realistischer zu sein: "Die Geschwinde Reise auf dem Lufft-Schiff nach der obern Welt" (1744) stammt von dem Thüringer Astronomen und Mathematiker Eberhard Christian Kindermann und wurde jetzt von Hania Siebenpfeiffer mustergültig neu ediert und kommentiert (Wehrhahn Verlag, Hannover 2010). Die aus Otto von Guerickes Vakuumexperimenten gespeiste Idee, dass evakuierte, also um das Luftgewicht erleichterte Kugeln aufsteigen könnten, übersieht zwar neben dem fehlenden Auftrieb die Masse der Behälter. Die Lösung des Problems aber, in der Physik von Gasen zu suchen, ist vielversprechend. Das Einleiten von Heißluft oder Wasserstoff in einen Ballon begründet 1783 schließlich die Geschichte der Luftfahrt. Kindermanns Erzählung ist indes mehr als ein Technikthriller. Die Expedition zielt auf eine genaue Beobachtung des Fremden, die Reisegesellschaft besteht aus Allegorien der fünf Sinne. Sie steigen in ihrem Gefährt aus Sandelholz durch die verschiedenen Sphären, die vier Elemente sowie Zonen der Apokalypse auf, fliegen vorbei an Kometen und landen schließlich auf einem der - in Wirklichkeit erst 1877 entdeckten - Marsmonde. Neben Faunen und Kentauren bewohnen sie engelhafte, aber nicht sündenfreie Wesen, die selbstverständlich bibelfest sind und mit Gott in engerem Kontakt als wir Erdenmenschen stehen. Kindermanns Erfindung des Unbekannten bewegt sich also in recht engen Bahnen eigener Imaginationskraft.

          Insgesamt schillert der Text zwischen einer Entfaltung wissenschaftlicher Hypothesen und einer abenteuerlichen Entdeckungsfiktion. Dabei geht es fast so bieder und geordnet zu wie daheim in Thüringen. Der utopische Mehrwert soll eben erreichbar und erstrebenswert bleiben. Die Brötchen aus Kindermanns Aufklärungsbäckerei wirken also recht klein, über ihren Verzehr hat sich später denn auch kaum jemand geäußert.

          ALEXANDER KOSENINA

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