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: Ironisches Dogma

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Um das Nachleben von Georg Lukács steht es merkwürdig. Eigentlich müsste sein Stern mit dem Ende des Marxismus als geltender Lehre der linken Intelligenz ins Bodenlose gefallen sein. Auch sind der ästhetische Klassizismus, die Verwerfung der literarischen Moderne, die das Werk von Lukács prägten, kaum mehr einleuchtend zu machen.

          Um das Nachleben von Georg Lukács steht es merkwürdig. Eigentlich müsste sein Stern mit dem Ende des Marxismus als geltender Lehre der linken Intelligenz ins Bodenlose gefallen sein. Auch sind der ästhetische Klassizismus, die Verwerfung der literarischen Moderne, die das Werk von Lukács prägten, kaum mehr einleuchtend zu machen. Seine Gegner hätten dann auf der ganzen Linie gesiegt, politisch wie kunsttheoretisch, und der ungarische Denker wäre einer der vielen fallierten Werte des vergangenen Jahrhunderts.

          Aber dem ist nicht so. Vielmehr ist es eher der Autoritätsverlust der Lehre, die das Profil eines großen und auch im Irrtum noch ernsten, verantwortlichen Philosophen erst recht hervortreten lässt. Soeben hat ihm das Karlsruher Museum für Literatur am Oberrhein eine Ausstellung gewidmet, deren Katalog auch Lukács' Briefwechsel mit Leopold Ziegler dokumentiert (Hansgeorg Schmidt-Bergmann, "Georg von Lukács. Heidelberger Ästhetik - Auf dem Weg zur ,Theorie des Romans'. Briefwechsel Leopold Ziegler und Georg von Lukács". G. Braun Buchverlag, Literarische Gesellschaft Oberrhein 2010).

          Es gibt aber eine Würdigung, die am Kern der Sache vorbeigeht, auch wenn sie den Heutigen einleuchtender scheint. Schmidt-Bergmann nennt Lukács einen "gewichtigen Denker eines undogmatischen Marxismus, wie er ihn in seiner 1923 publizierten Aufsatzsammlung ,Geschichte und Klassenbewusstsein' skizziert hatte". Das klingt ausgesprochen sympathisch. Nur: "Undogmatisch" war das Letzte, was Lukács sein wollte. Nein, gerade er wollte Dogmatiker sein. "Geschichte und Klassenbewusstsein" enthält deshalb auch den Aufsatz "Was ist orthodoxer Marxismus?" - und nur das Verdikt aus Moskau gegen die hegelianisierende Tendenz gab dem Buch dann den Ruf, nicht ganz linienkonform zu sein. Lukács ging nicht den Weg der Dissidenten, sondern gehorchte und verfasste eine selbstkritische Abhandlung.

          Schon der frühe Lukács, um den es hier geht - in der Heidelberger Phase vor dem Ersten Weltkrieg im Umkreis von Max Weber - war "dogmatisch" orientiert, und es war gerade ein Zeichen seines philosophischen Ernstes, dass er nichts anderes wollte als das Dogma. Feuilletonismus gab es um die Jahrhundertwende schon genug, und Dilettanten kamen im literarischen Betrieb erst richtig auf. Im Januar 1913 schrieb Lukács aus Florenz an Leopold Ziegler: "Einem Leser, wie Sie es sind, wird es gewiss nicht entgangen sein, dass der Essay (speziell: mein Essay) einen ironischen Dogmatismus hat, eine Apodiktik mit ,Vorbehalten'. Er kann mithin - hegelisch gesprochen - nur ein ,Moment' sein: denn nur der Einzelfall, den er behandelt, gibt seinem - vorläufig nur intuitiven - Apriorismus Leben und Fundament. Dies ist aber in einem System unmöglich. So sind, da - wie Sie auch hervorgehoben haben - in der Literaturästhetik noch nichts oder kaum etwas geschehen ist, sehr große erkenntnistheoretische, geschichtsphilosophische etc. Schwierigkeiten zu überwinden, bevor an eine Ästhetik auch nur zu denken ist." Ironisch war der Dogmatismus nur insofern, als er sich noch nicht in der von ihm selbst geforderten Form hatte aussprechen können.

          Leopold Ziegler, der Briefpartner von Lukács, war ein vielseitig veranlagter Kultur-, Staats- und Religionsphilosoph; 1881 wurde er in Karlsruhe geboren (insofern die regionale Anbindung an das Karlruher Museum), er war vier Jahre älter als Lukács. Man kann ihn als einen "Traditionalisten" auch im problematischen, von der katholischen Kirche kritisch beurteilten Sinn verstehen: Was ihm in seinem späteren Werk vorschwebte, war eine Art überkonfessionelle Seelenreligion, die er sich auf eine dem Menschengeschlecht gemeinsame Ur-Offenbarung zurückgehend dachte. Dem "entseelten" Kapitalismus stand Ziegler auf seine Weise so ablehnend gegenüber wie Lukács - nur dass Ziegler den Marxismus als einen Pseudomessianismus erkannte. Aber auch hier setzt der Katalog auf eine fragwürdige, ganz anachronistische Aktualisierung, wenn es in dem Beitrag von Franz Littmann "Zur Philosophie Leopold Zieglers" heißt, dieser habe einen "spirituellen Pluralismus" vertreten, "wie er gegenwärtig zum Beispiel von Charles Taylor gefordert wird".

          Lukács sah die Verwandtschaft der Intentionen, wie es an einer ergreifenden Stelle der Briefe heißt, "in der seltsamen Zweiheit ihrer Richtung und Tendenz; der großen philosophischen Tradition Deutschlands innerlich und im tiefsten Wesen nahe zu kommen - gerade dadurch, dass man sich von ihrer Begriffsbildung, Terminologie und Methode entfernt". Der Gegenstand der Briefe ist vor allem die Theorie des Tragischen. Man glaubt, den späteren kommunistischen Funktionär in seiner transzendentalen Verpuppung zu sehen, wenn Lukács schreibt, er habe den Begriff "Schuld" einfach als ein "Wissen um das Schicksal, als ein Jasagen zum Schicksal, ein zur Tat-umformen des Geschehens, als eine Kontur des Lebens" bezeichnet.

          LORENZ JÄGER

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