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: Exkursionen in das Japan nach der Postmoderne

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In der Krise der Postmoderne wechselt Japans Selbstbild von den harten Zahlen des Bruttosozialprodukts, den Artefakten des "Made in Japan" und kapitalistischen Gestaltungskriterien der Architektur zu weicheren Attributen und Qualitäten wie soft power oder fluid spaces. Der Band "J-Culture. Japanlesebuch IV" (Hrsg.

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          In der Krise der Postmoderne wechselt Japans Selbstbild von den harten Zahlen des Bruttosozialprodukts, den Artefakten des "Made in Japan" und kapitalistischen Gestaltungskriterien der Architektur zu weicheren Attributen und Qualitäten wie soft power oder fluid spaces. Der Band "J-Culture. Japanlesebuch IV" (Hrsg. von Steffi Richter und Jaqueline Berndt, Konkursbuch-Verlag, Tübingen 2008) erörtert nach dem Ende der "Blasenwirtschaft" Anfang der neunziger Jahre Selbstfindung in Zeiten der ökonomischen und demographischen Krise: Die Arbeitsmarkt- und Wirtschaftsreformen führten zur Aufgabe klassischer Prinzipien der Betriebsorganisation, zu Entlassungswellen und dem Ende der "Gesellschaft der großen Mitte".

          Annette Schad-Seifert erkennt in dem Essay "J-Unterschicht" in Japans neuer Differenzgesellschaft eine Pluralisierung der Beschäftigungsstile, eine mediale "Sprache von der Spaltung" und einen Verlust an Sicherheiten. So weicht der Sarariman ("Salary Man"), der typische Firmenangestellte oder die OL ("Office Lady") einerseits den Managern und Spitzenverdienerinnen (die Autorin zitiert den neuen Frauentyp "Millionaise") der New Economy, andererseits Zeitarbeitsverhältnissen wie der wachsenden Problemgruppe der freeter (zusammengesetzt aus "free" und der Endsilbe des deutschen Worts "Arbeiter"). Die Autorin gewahrt ein Unterschicht-Business von Zeitschriften bis hin zum Unterschichten-Fernsehen.

          In den siebziger Jahren hatte der Aufstieg von Unternehmen der Auto- und Elektronikindustrie Stoff für Made-in-Japan-Identitätsdiskurse gegeben. Doch während man in Japan noch über die "zehn verlorenen Jahre" der Rezession klagte, war das Land über den Export von Produkten wie Manga, Anime, Hello Kitty und anderer popkultureller Ikonen längst zur "Soft Power" aufgestiegen. Der Topos eines "Cool Japan" wurde - in Form des breit rezipierten Artikels "Japan's National Gross Cool" von Douglas McGray 2002 - von außen an Japan herangetragen.

          Steffi Richter skizziert in ihrem Beitrag "J-Culture: Zwischen beautiful Japan und cool Japan" die Selbstsuche inmitten progressiver und traditioneller Tendenzen. Die Etikettierung als "J", von J-Pop über J-Food bis zu J-Fashion, wurde der Inbegriff des Neuen. Die Autorin sieht aber auch Allianzen zwischen Soft Power und Politik. So habe das im Irak eingesetzte japanische Militär seine Wassertanks mit Bildern des auch dort beliebten Manga "Captain Tsubasa" verziert: In Japans Selbstbehauptung werde hard power mit Pop legitimiert.

          Die Popkultur im Konkurrenzkampf der Kulturen erörtern zwei Beiträge des Bandes. Während Anja Hopf die im Westen wenig gehörte japanische Popmusik als eine "Geschichte des Plagiats", aber auch als neuerdings aus indigenen Einflüssen wie der Volksmusik Okinawas schöpfende Form schildert, behandelt Jaqueline Berndts Beitrag die Anime. Noch bei der "Heidi"-Serie (1974) verbarg man die japanische Herkunft. Nun beobachtet man eine Entwicklung zur global kompatiblen "Japanizität". Berndt deutet das Vermitteln von Emotionen über die Großaufnahmen von Augen, die unheroischen, komplexen Charaktere oder die Künstlichkeit der Darstellung als Differenz zum Stil Disneys. Sie erkennt aber auch angesichts des dynamischen und "amerikanischen" Gebarens ethnisch uneindeutiger Figuren eine Hybridität. Gerade die Staatenlosigkeit werde nun als spezifisch japanisch empfunden.

          Auto und Nation in der Werbung behandelt Andreas Riessland. Während zunächst der Vergleich mit den Straßenkreuzern der amerikanischen Sieger im Zentrum stand, wurden im Premiumbereich seit den siebziger Jahren die Wagen, die vor hochkulturellen Kulissen, Burgmauern oder Tempelarchitekturen, verkehrten, als globale Botschafter japanischen Könnens gepriesen. Sogar Mercedes-Benz, der noch in den achtziger Jahren auf deutsche Tugenden setzte, bewarb ab 1995 die E-Klasse mit "Mercedes vom schönen Land", wobei man Japan meinte: Die Wagen waren unterwegs im Land, das "für den Regen achtzehn Namen hat" oder "in den Tönen der Insekten Worte hört". So wurde eine Nähe von älterem japanischem Naturempfinden und Mercedes-Ästhetik suggeriert.

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