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: Europa ist für sie ein hoffnungsloser Fall

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Über die islamistische Bewegung in der Türkei ist zwar in den letzten Jahren intensiv geforscht worden. Eine eingehende Analyse des Diskurses tonangebender muslimischer Intellektueller, die in der Regel kaum oder überhaupt nicht an islamistische Organisationen im Land gebunden sind, aber fehlte. ...

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          Über die islamistische Bewegung in der Türkei ist zwar in den letzten Jahren intensiv geforscht worden. Eine eingehende Analyse des Diskurses tonangebender muslimischer Intellektueller, die in der Regel kaum oder überhaupt nicht an islamistische Organisationen im Land gebunden sind, aber fehlte. Eine solche hat kürzlich die junge Turkologin Sena Karasipahi vorgelegt, die in Leiden promoviert hat und heute in Texas lehrt ("Muslims in Modern Turkey. Kemalism, Modernism and the Revolt of the Islamic Intellectuals", I. B. Tauris, London 2009).

          Die ersten islamisch orientierten Intellektuellen hat es in der Türkei zwar schon in den dreißiger Jahren gegeben, dies aber zu einer Zeit, als die laizistische Staatsideologie des Kemalismus Opposition kaum - und eine betont islamische schon gar nicht - duldete. In der Forschung (maßgebend etwa M. Hakan Yavuz, "Islamic political identity in Turkey", Oxford University Press, Oxford 2003) wird hier von der "ersten Generation islamischer Intellektueller" gesprochen. Mit ihr hat die zweite Generation türkischer islamistischer Denker, die in den vierziger und fünfziger Jahren geboren sind, einiges gemein. Wie ihre Vorgänger hat kaum einer von ihnen eine Ausbildung zum Rechtsgelehrten. Vielmehr haben sie das säkulare türkische Bildungssystem durchlaufen und meist einen akademischen Titel in Geistes- oder Sozialwissenschaften erworben. Auch schreiben sie längst nicht nur über rein religiöse Themen, sondern nehmen auch Stellung zu politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen, die sie aus islamisch gefärbter Perspektive, historisch und philosophisch vertieft, deuten und kritisieren. Im Gegensatz zur ersten Generation sind jedoch nur die wenigsten dieser Intellektuellen literarisch orientiert; dank einem ihnen heute zur Verfügung stehenden ausgeprägt islamischen Verlags- und Pressewesen sowie ähnlich orientierten Fernsehsendern genießen sie indessen weit größere Popularität. Sena Karasipahi bezeichnet sie deshalb als "öffentliche Intellektuelle".

          Bereits Yavuz hatte darauf hingewiesen, dass die meisten dieser einflussreichen Gelehrten ursprünglich aus kleinen türkischen Provinzstädten stammen. Die Autorin Karasipahi betont noch stärker den Umstand, dass die sechs von ihr vorgestellten und analysierten Intellektuellen mit vielen Tausenden ihrer Landsleute die häufig problematische Erfahrung der Migration in die größeren Städte teilen; ein Problemfeld, das in der wissenschaftlichen Literatur als Entstehungshintergrund urbaner islamistischer Eliten übrigens schon lange diskutiert wird. Die islamistischen Publizisten Ali Bulaç, Ismet Özel, Rasim Özdenören, Ilhan Kutluer, Ersin Gürdogan und Abdurrahman Dilipak thematisieren gezielt die mit der Landflucht einhergehenden Integrationsschwierigkeiten. Sie gehen auf Probleme wie Entfremdung, Desillusionierung und soziale Ungerechtigkeit ein, mit denen ihr Zielpublikum - meist aufstrebende junge Menschen, häufig Studenten - im Alltag konfrontiert ist. Ali Bulaç etwa macht dafür die westliche Moderne verantwortlich, die er als Modell für die Türkei entschieden ablehnt und die er in den modernen Städten am deutlichsten verkörpert sieht: Der Entfremdung ausgesetzt und dadurch orientierungslos, seien die Menschen gerade hier am anfälligsten für die ins Land importierte materialistische Kultur des Westens.

          Das Projekt der Moderne wird von den genannten Denkern deshalb als unislamisch verurteilt, weil es seine Wurzeln in der europäischen Aufklärung habe. Und diese gründe im heidnischen Erbe der griechisch-römischen Antike, die wiederum nicht frei von jüdischen Einflüssen gewesen sei. Die Ideen der Aufklärung sind für Rasim Özdenören bloße Sophisterei, weil sie der göttlichen Weisheit entbehrten. Die Europäer hätten im Zeitalter der Vernunft ihre Gedankenwelt so weit säkularisiert, dass sie an die Stelle der göttlichen Weltordnung den verwerflichen Humanismus gesetzt hätten; verwerflich deshalb, weil nun der Mensch, der meinte, sich von Gott endgültig abzukoppeln zu können, ins Zentrum gerückt sei.

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