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: Er hätte vermutlich nach dem Schürhaken gegriffen

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Die Forschungsliteratur zu den Werken bedeutender Philosophen steht meist in einem unfreiwillig komischen Missverhältnis zu ihrem Forschungsgegenstand. Fast immer haftet diesen Arbeiten etwas Mediokres an. Nicht selten lesen sie sich noch schwieriger als der Text, den sie erhellen sollen. Und die Verschrobenheit ...

          Die Forschungsliteratur zu den Werken bedeutender Philosophen steht meist in einem unfreiwillig komischen Missverhältnis zu ihrem Forschungsgegenstand. Fast immer haftet diesen Arbeiten etwas Mediokres an. Nicht selten lesen sie sich noch schwieriger als der Text, den sie erhellen sollen. Und die Verschrobenheit mancher Forschungsbeiträge steht derjenigen der großen Meisterdenker häufig in nichts nach.

          Einen ganz eigenen Aspekt gewinnt dieses Phänomen bei Arbeiten zu dem Werk Ludwig Wittgensteins, dem vielleicht skrupulösesten Autor der Philosophiegeschichte und Verächter nicht nur von Sekundärtexten, sondern - mit wenigen Ausnahmen - von philosophischer Literatur im Allgemeinen. Die Wittgenstein-Industrie, die bald nach seinem Tod ihre Produktion aufnahm, hat sich um diese Vorbehalte ihres Studienobjektes wenig gekümmert. Allein die Anzahl der Arbeiten über einen Begriff wie die berühmten "Sprachspiele" sind kaum zu überschauen. Wittgenstein selbst hätte das vermutlich abwechselnd in Depressionen und Wutanfälle getrieben.

          Man hat also ein zwiespältiges Gefühl, wenn man den ersten Band der neuen "Wittgenstein-Studien. Internationales Jahrbuch für Wittgenstein-Forschung" in Händen hält (Verlag Walter de Gruyter, Berlin 2010). Sie sind ein Nachfolgeprojekt der "Wittgenstein Studies", die zwischen 1992 und 1998 sehr avantgardistisch auf Disketten erschienen und dann, Philosophen sind konservative Menschen, im Peter Lang Verlag als gedruckte Schriftenreihe, deren Einzelbände sich jeweils Themenschwerpunkten widmeten. Die neuen "Wittgenstein-Studien" sind thematisch offen, was den Vorteil einer größeren Breite bietet, aber auch die Gefahr der Beliebigkeit birgt. Diesem Problem begegnen die Herausgeber Wilhelm Lütterfelds (Passau), Stefan Majetschak (Kassel), Richard Raatzsch (Wiesbaden/Oestrich-Winkel) und Wilhelm Vossenkuhl (München) dadurch, dass sich im ersten Band des neuen Jahrbuches zwar Aufsätze zu allen Perioden Wittgensteins und zu verschiedenen Fragestellungen finden, diese aber dennoch durch ein gemeinsames Hintergrundthema verbunden sind: die Metaphilosophie Wittgensteins, genauer, die Rolle von Gedankenbildern nicht nur für Philosophie und Wissenschaft, sondern auch in unserem Alltag.

          In der zeitgenössischen analytischen Philosophie tauchen Bilder nicht nur als Allegorien oder Metaphern auf, sondern insbesondere als Gedankenexperimente. Wie Wolfgang Kienzler (Jena) in seinem Beitrag zu Wittgensteins Ansichten über Gedankenexperimente betont, erklärt sich diese Vorliebe durch die traditionell stark ausgeprägte Orientierung analytischer Philosophen an den empirischen Wissenschaften, an deren Exaktheit Gedankenexperimente zumindest rhetorisch partizipieren. Allerdings sind auch die Fragen der analytischen Philosophie meist keine Fragen, die empirisch zu beantworten sind, weshalb entsprechende Experimente eben nicht empirisch, sondern in Gedanken vollzogen werden müssen. Hier liegt aber auch schon das Problem, da viele Gedankenexperimentatoren in die selbstgebastelte Falle laufen und ihren gedanklichen Bildern eine Aussagekraft zuschreiben, die sie nicht haben.

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