https://www.faz.net/-gwz-x7xw

: Enttäuscht

  • Aktualisiert am

"Frankreich stellt sich nicht hin und ruft: ,Seht! Wie schön ist es bei mir! Kommt einmal alle hierher!' Nein, wenn du die Schönheit des Landes aufsuchen willst, dann musst du sie suchen - findest du sie, ist es gut; findest du sie nicht, ist's den Franzosen auch gleich", wusste schon Kurt Tucholsky. Ähnliche ...

          3 Min.

          "Frankreich stellt sich nicht hin und ruft: ,Seht! Wie schön ist es bei mir! Kommt einmal alle hierher!' Nein, wenn du die Schönheit des Landes aufsuchen willst, dann musst du sie suchen - findest du sie, ist es gut; findest du sie nicht, ist's den Franzosen auch gleich", wusste schon Kurt Tucholsky. Ähnliche Erkenntnisse finden sich in einem lesenswerten Sammelband, in dem amerikanische Spezialisten der Geschichte Frankreichs ihre Faszination über das Land beschreiben und reflektieren ("Why France? American Historians Reflect an Enduring Fascination", hrsg. von Laura Lee Downs und Stéphane Gerson, Cornell University Press, Ithaca und London 2007). Die Vergangenheit des Hexagons zieht seit geraumer Zeit die Aufmerksamkeit vieler bekannter amerikanischer Historiker wie Robert Darnton, Natalie Zemon Davis und Gabrielle M. Spiegel auf sich. Frankreich ist zwar unter den politischen und kulturellen Eliten der Vereinigten Staaten nicht immer wohlgelitten. Gleichwohl hat kein anderes Land die amerikanische historische Imagination so stark geprägt.

          Warum Frankreich? Diese schlichte Frage ist für die Autoren, die über ihre Erfahrungen in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts berichten, von zahlreichen Klischees verstellt. Da ist etwa die verbreitete Nostalgie für ein Frankreich, das nicht mehr existiert, das Frankreich der Filme von Marcel Carné, der Lieder von Jacques Prévert. Auf der anderen Seite steht der Mythos vom Amerikaner in Paris, der, dem lähmenden Konformismus seiner Heimat entronnen, auf wundersame Weise zu einem genuinen Intellektuellen mutiert. Diese Stereotype werden glücklicherweise kaum bemüht. Manche Beiträge verklären jedoch Frankreich als Heimat der Menschenrechte, als Inbegriff für Fortschritt und Demokratie. Die Hoffnung auf das erneute "Schmettern des gallischen Hahns", die schon Marx hegte, trieb in den sechziger und frühen siebziger Jahren auch so manchen amerikanischen Historiker nach Frankreich.

          Meist stellte sich rasch Desillusion ein, nicht nur weil die Revolution ausblieb. Viele Beiträger beklagen sich vielmehr über gnadenlose Beamte in Behörden und Archiven, die Arroganz, aber auch die Langeweile der französischen Provinz. Norbert Elias berichtete über sein Exil in Paris in den dreißiger Jahren, dass er Frankreich geliebt habe und daher enttäuscht gewesen sei, dass er nie von einem Franzosen nach Hause eingeladen wurde. In ähnlicher Weise beklagen sich einige Historiker in diesem Band darüber, dass die französischen Kollegen ihre wissenschaftlichen Arbeiten nicht zur Kenntnis nahmen.

          Hier hakt der renommierte, an der Paris Ecole des Hautes Études en Sciences Sociales lehrende Historiker Roger Chartier in seinem Nachwort ein. Seiner Beobachtung nach seien die Arbeiten der amerikanischen Kollegen zu Frankreich durchaus rezipiert worden. Allerdings berührten sich ihre Forschungsthemen kaum mit denen der französische Historiker. Dies gelte vor allem für das Thema der Immigration und das daraus resultierende multikulturelle Frankreich. In den Erinnerungen der amerikanischen Beiträger scheint diese Thematik immer wieder auf: in Erinnerungen an Begegnungen mit dem alltäglichen Rassismus, in der Erfahrung, dass das Mutterland der Menschenrechte nicht besonders gastfreundlich war, in Erkenntnissen über brutale Kolonial- und Dekolonisationskriege. Chartier betont, dass die Geschichte des Vichy-Regimes ohne die Forschungen amerikanischer Historiker längst nicht so differenziert aufgearbeitet wäre. Eine "Mischung aus Intimität und Distanz", schreibt er, habe es ermöglicht, Frankreichs jüngere Vergangenheit so zu sehen, wie es französische Historiker nicht konnten.

          In einigen Beiträgen finden sich überdies recht harsche Urteile über einen früheren Exportklassiker Frankreichs: die "französische Theorie" mit ihren "Meisterdenkern". Inzwischen, so liest man in einem Teil der Aufsätze, sei Frankreichs Geistesleben im Niedergang begriffen, geprägt durch einen Provinzialismus, der vom Linguistic Turn bis zur Queer-Theorie alle relevanten Neuansätze verschlafe. Chartier bemerkt mit einer gewissen Sorge den hier sichtbar werdenden Wandel in der Haltung amerikanischer Historiker gegenüber dem Land, das sie zu ihrem Forschungsgegenstand gemacht haben - Ernüchterung, Kritik und Nostalgie. Gleichwohl ist sein Resümee versöhnlich, denn Aufrichtigkeit sei schließlich die Pflicht eines Freundes. Die Essays, hält er fest, zeichneten sich durch eine erfreuliche Ungeduld mit der französischen nationalen Arroganz aus und erinnerten zu Recht daran, dass die Welt größer sei als das kleine Hexagon in Westeuropa. Frankreich, so Chartier, sei längst nicht mehr jenes traditionelle Frankreich, wie es vor wenigen Jahrzehnten noch Richard Cobb, der große englische Historiker der Französischen Revolution, beschrieb, sondern ein Land, "in dem Menschen aus aller Welt mit ihren diversen Erinnerungen und Kulturen nebeneinander leben, ohne bisher allzu oft in direkten Kontakt miteinander zu treten".

          ANDREAS ECKERT

          Weitere Themen

          Eine Stadt sieht gelb Video-Seite öffnen

          Sandstaub in Peking : Eine Stadt sieht gelb

          Eine Sandstaubwolke sorgte dafür, dass sich der Himmel in Peking gelb färbte. Damit nahm dann auch die Luftqualität stark ab. Für die Einwohner der Stadt ist diese Situation nicht unbekannt, wie Passanten berichten.

          Topmeldungen

          Mitarbeiter der Ordnungsamtes patrouillieren am 17. April durch Köln, wo eine Ausgangssperre von 21 bis 5 Uhr gilt.

          Einigung zu Bundes-Notbremse : Ausgangsbeschränkungen erst ab 22 Uhr

          Die bundesweiten Regeln zur Eindämmung der Pandemie sollen nun doch etwas weniger streng ausfallen. Der Einzelhandel soll zumindest eingeschränkt weiter arbeiten können. Auch nächtliches Joggen bleibt teilweise erlaubt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.