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: Die Reise ins Dunkel

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Der 1962 veröffentlichte Roman "Eine Reise" des gebürtigen Pragers H. G. Adler überblendete das romantische Wander- und Reisemotiv mit dem Schreckensbild der verordneten Reise in die Todeslager. Die Lektüre dieser Deportationsgeschichte lässt die Topoi von Reiselust oder -unlust in einem anderen, sehr schalen Licht erscheinen.

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          Der 1962 veröffentlichte Roman "Eine Reise" des gebürtigen Pragers H. G. Adler überblendete das romantische Wander- und Reisemotiv mit dem Schreckensbild der verordneten Reise in die Todeslager. Die Lektüre dieser Deportationsgeschichte lässt die Topoi von Reiselust oder -unlust in einem anderen, sehr schalen Licht erscheinen. Bei der Eröffnung des Marbacher Symposiums "H. G. Adler (1910 bis 1988): Dichter - Gelehrter - Zeuge" brachte der Londoner Germanist Rüdiger Görner diese elementare, wenn auch mitunter verzögerte Wandlung im Erleben der Welt nach 1945 zum Ausdruck: "Über H. G. Adler denkend, reist man anders."

          Das autobiographisch grundierte Buch schildert die letzte Reise der jüdischen Arztfamilie Lustig und erzählt damit paradigmatisch vom jüdischen Schicksal während des "Dritten Reichs". Das Werk ist jedoch nicht nur Zeugnis der Vernichtungsmaschine, sondern auch der Unfähigkeit vieler, sich nach 1945 mit den Verbrechen auseinanderzusetzen. Schon die Suche nach einem Verlag gestaltete sich für den nach London Emigrierten als schwierig: Adler hatte sich als einer der ersten Holocaustforscher mit soziologischen Studien über das Lager Theresienstadt einen Namen gemacht; mit seinen literarischen Werken jedoch fand er wenig Gehör. Als für das "Reise"-Buch endlich ein Verlag gefunden war, taten sich neue, ungeahnte Schwierigkeiten auf: Der ursprünglich geplante Titel "Die Reise" war urheberrechtlich geschützt.

          Für einen an Kafka geschulten Autor, der sich, wie er selbst sagte, über jedes Wort Gedanken machte, war dies ein kaum lösbares Problem: So wie es für Kafka vermutlich undenkbar gewesen wäre, etwa "Die Verwandlung" in "Eine Verwandlung" umzubenennen, war es für Adler sicherlich mehr als ein Kompromiss, die parabolische Eindeutigkeit des Titels ins Unbestimmte zu verschieben. Eine späte Genugtuung wäre für Adler vielleicht, dass sein Übersetzer Peter Filkens 2008 den Titel in "The journey" zurückverwandelte.

          Obwohl von Heinrich Böll und Elias Canetti hoch gelobt, war die Aufnahme des "Reise"-Buchs von Beginn an kontrovers, wie in einem Beitrag von Ruth Vogel-Klein (Paris) im gerade erschienenen, von der Autorin herausgegebenen Band "Die ersten Stimmen. Deutschsprachige Texte zur Shoa 1945 bis 1963" (Würzburg 2010) nachzulesen ist. Ob es an der ironischen Gebrochenheit (die sich schon im Familiennamen "Lustig" zeigt), an den mitunter abrupt wechselnden Stilebenen oder an der faszinierend-irritierenden Sprache lag, die Klaus L. Berghahn (Madison, Wisconsin) in seinem Vortrag herausarbeitete, ist schwer auszumachen. Immerhin bezweifelte Berghahn das Lob Canettis, das Buch sei die "vollkommene dichterische Verwandlung" des Erlebten. Das Problematische des Romans sieht Berghahn vielmehr im "Widerspruch zwischen modernistischer Gestaltung und klassizistischer Ästhetik".

          Weniger literaturkritisch als musikalisch argumentierte Görner in seinem Vortrag über Adlers "Panoramatik", was vor dem Hintergrund des soeben wiederaufgelegten und als "Jahrhundertwerk" eines Autors auf der Höhe der Weltliteratur gefeierten Romans "Panorama" hoch aktuell war (F.A.Z vom 2. Juli). Unter Hinweis auf Adlers Musikstudium verwies Görner auf die rhythmustheoretischen Voraussetzungen in seinem Schaffen und übertrug in Verbindung mit dem zerbrochenen Lebensrhythmus das "Rhythmische ins Panoramatische als Form der Erkenntnis". Diese Auffächerung der Wirklichkeit als panoramatische Daseinsbeschreibung sei nicht erst in "Panorama" (1968), sondern schon im lyrischen Zyklus "Theresienstädter Bilderbogen" (1942) zu beobachten.

          Jenseits ästhetischer Transformation der Geschichte durch Adler oder seine Leser, wie etwa W. G. Sebald oder Peter Weiss, sei bei aller poetischen Sachlichkeit das wohl Bemerkenswerteste Adlers "intimer Ansatz", so der Germanist Jeremy Adler, der Sohn des Autors. Ich und Du würden wie in der Kammermusik in Verbindung gebracht, die leise, individuelle Stimme des Dichters sei stets vorhanden. Musikalische Sensibilität hat Adler offenbar nicht nur seinem Sohn weitergegeben, sondern dieser wiederum seiner Schülerin Katrin Kohl (Oxford): In ihrem klangvollen Vortrag über das Gedicht "Dies einmal sagen" entwarf sie eine Poetik der dichterischen Stimme, die in lyrischer Zuversicht dazu auffordere, das Erlebte weiterzusagen.

          Adlers Anspruch, die Vernichtung wissenschaftlich und zugleich dichterisch zu beschreiben, blieb nicht unumstritten. Während Walter Jens die Verflechtung von Historiographie und Poesie als "Kunststück" bezeichnete, das darin bestehe, "Er und Ich, Subjekt und Objekt zugleich zu sein", handele es sich, so Henning Ritter schon vor Jahren in dieser Zeitung, um "zwei miteinander unverträgliche Formen von Autorschaft"; die Literatur setze auf das Verhältnis zum Autor, die Wissenschaft wolle gerade davon absehen (F.A.Z. vom 11. November 1998).

          Dass eine solche Versöhnung auf höherer Ebene aber dennoch möglich sei, so deutete Jeremy Adler am Rande an, zeige aber gerade die Monumentalität des Gesamtwerks. Vielleicht kommt man ja mit dem Begriff des im Kleistschen Sinne erkenntniskritischen Panoramatischen dabei weiter. Über H. G. Adler schreibend, denkt man dann vielleicht auch anders.

          FRIEDERIKE REENTS

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