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: Die Marburger Epoche der Universitätsgeschichte

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Es ist seit Jahren zu hören, aus den Universitäten sei der Geist entwichen. Zieht man einmal alle verlogene Nostalgie ab, die in solchen Zeitdiagnosen liegt, dann bleiben doch ein paar Beobachtungen übrig. Die Forschung kommt sich schon lange als Betrieb vor. Inwiefern sie dann aber noch ihre Einheit mit der Lehre versprechen kann, ist unerfindlich geworden.

          Es ist seit Jahren zu hören, aus den Universitäten sei der Geist entwichen. Zieht man einmal alle verlogene Nostalgie ab, die in solchen Zeitdiagnosen liegt, dann bleiben doch ein paar Beobachtungen übrig. Die Forschung kommt sich schon lange als Betrieb vor. Inwiefern sie dann aber noch ihre Einheit mit der Lehre versprechen kann, ist unerfindlich geworden. Außerdem findet sie oft nur an den Universitäten statt, aber nicht in ihnen. Die Forscher, die sich räumlich nahe sind, sind es kognitiv nur zufälligerweise, weil die eigentlichen Strukturen, an denen sie sich orientieren, ihre eignen Labors und überlokale Netzwerke sind, nicht Fakultäten oder mitanwesende Kollegen. Man muss das nicht beklagen, aber entsprechend viel wert sind die Appelle zu mehr Interdisziplinarität, entsprechend glaubhaft die ganzen Darstellungen universitäter Kollaboration in Sonderforschungsbereichen.

          Und die Studenten? Sie empfinden, wenn der Eindruck nicht täuscht, die Universität mehr und mehr als gesellschaftlich verordneten Hindernisparcours, der sie vom eigentlichen Leben und Erwachsenwerden trennt. Es kommt nicht oder nur unvorhergesehenerweise zum Aufatmen nach der Schule, sich jetzt endlich ganz auf die eigenen Möglichkeiten konzentrieren zu können. Die Bologna-Reformen tragen stark zu diesem Eindruck bei. Denn die Formalisierung des Verhältnisses zum Erkenntnisgewinn - von Punktesystemen über Dauerpseudoprüfungen bis zu durchregulierten Studienplänen - bezahlt dafür, dass es den Studierunlustigen leichter gemacht wird, einen hohen Preis: den, eine instrumentelle Einstellung zum Studium zur normalen zu machen. An Universitätssystemen, die schon länger Erfahrungen mit derartigen Reformen gemacht haben, kann man einen Effekt beobachten: die Neigung der Begabten zur Wissenschaft selber nimmt ab.

          Auch wenn man, wie die Phrase will, die Uhren nicht zurückdrehen kann: Es dürfte unter den genannten Umständen nicht falsch sein, einmal rückwärts zu schauen und zu fragen, wovon es denn einst abhing, wenn Universitäten blühten. Für eine solche Untersuchung der Bedingungen von gelingendem Studium kommt, wie gesagt, nicht jede Epoche schon dadurch in Betracht, dass sie zurückliegt. Aber es gibt ganz zweifelsfreie Fälle solcher Blüte, zum Beispiel die Marburger Universität der Zeit nach 1914 und ihre Geisteswissenschaften. Soeben sind in Publikation des Marbacher Literaturarchivs die Erträge einer Tagung dokumentiert worden, die sich vor zwei Jahren mit diesem Tatbestand befasst hatte (" Marburger Hermeneutik zwischen Tradition und Krise", hrsg. von Matthias Bormuth und Ulrich von Bülow, Göttingen 2008). Marburg vor 1933 war nämlich die Entstehungsstätte der hermeneutischen Philosophie, die von Martin Heidegger dort 1923 angestoßen und und seinen Schülern - Hans-Georg Gadamer, Karl Löwith, Gerhard Krüger, Hannah Arendt, Hans Jonas und Leo Strauss - in die denkbar verschiedensten Richtungen entwickelt wurde. Das Marburg jener knappen zwanzig Jahre war der Ort, an dem die großen deutsche Romanisten, von Ernst Robert Curtius über Leo Spitzer und Erich Auerbach bis zu Werner Krauss lehrten. Max Kommerell, einer der eigentümlichsten Germanisten seiner Zeit, George-Schüler und -Renegat, Schriftsteller und Autor hinreißender Werke zu Jean Paul, Calderon und Lessing, hatte dort studiert und später einen Lehrstuhl. Und so könnte man weiter einen Namen nach dem anderen nennen, von Geisteswissenschaftlern, die ihr Fach prägten, dem Altphilologen Paul Friedländer, dem Kunsthistoriker Richard Hamann, und allen voran dem protestantischen Theologen Rudolf Bultmann.

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