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: Die Genealogie der akademischen Hausarbeit

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Die Gattungsmerkmale und Zielsetzungen der Seminararbeit orientieren sich am wissenschaftlichen Fachaufsatz. Die Mitglieder der frühen Seminare hatten damit kein Problem: Sie verstanden sich als Forscher und konnten mit ihren Arbeiten häufig sogar Innovatives leisten - nicht zuletzt, weil sich viele geisteswissenschaftliche Disziplinen im neunzehnten Jahrhundert gerade erst institutionell etablierten und methodisch konsolidierten.

Wer dagegen heute im Bachelor-Studium dazu verpflichtet ist, eine Hausarbeit zu schreiben, befindet sich in einer ganz anderen Situation: Er kann nicht davon ausgehen, dass er mit seiner Seminararbeit einen relevanten Forschungsbeitrag schreiben wird. Gleichwohl verlangt die Textgattung der Hausarbeit in ihrer tradierten Form diesen Forschungsbezug. Gerade am Studienbeginn wird dem Studenten also eine anspruchsvolle "Fiktionsleistung" abverlangt. Wie Pohl darstellt, hängt erfolgreiches akademisches Schreiben auf dieser Ausbildungsstufe auch davon ab, sich selbst wider besseres Wissen als Wissenschaftler fingieren zu können.

Auch hinsichtlich des Rezipientenkreises sind Fiktionen notwendig: Die studentischen Autoren sollen in ihren Seminararbeiten nämlich nicht den konkreten Prüfer adressieren, sondern die "scientific community", obwohl sie - wie auch der Prüfer - genau wissen, dass nur der Prüfer die Arbeit lesen wird. Während die frühen Seminararbeiten schon deshalb ein Fachpublikum adressierten, weil das Seminar im Rahmen der Etablierung von neuen Fächern als "miniaturisierte disziplinäre Diskursgemeinschaft" (Pohl) fungierte und aus Seminararbeiten früher oder später Fachpublikationen werden sollten, muss diese Adressierung in heutigen Hausarbeiten simuliert werden. Dass diese Simulationsleistungen ohne größere Identifikationsprobleme nur von Studierenden erbracht werden können, die sich für eine wissenschaftliche Laufbahn entschieden haben, wird von Pohl deutlich hervorgehoben.

Pohls Studie legt nahe, dass die seit mehr als zweihundert Jahren an deutschen Universitäten eingeführte Schreibpraxis der Hausarbeit nur im Rahmen einer engen institutionellen Verzahnung mit dem Seminar im Sinne einer miniaturisierten Forschergemeinschaft erfolgreich betrieben werden konnte und kann. Pohls anregende Arbeit macht deutlich, dass wir das Hochschulwesen der letzten zwei Jahrhunderte so lange nicht angemessen verstehen werden, wie es uns an einer disziplinübergreifenden und quellengesättigten Geschichte des Seminars fehlt.

Wie wurde in den Seminaren gelernt? Wie genau wurden die schriftlichen Seminararbeiten von den Studierenden geschrieben und redigiert? Wie wurden die Arbeiten im Kreis des Seminars kritisiert? Über die konkrete akademische Praxis des Hausarbeitenschreibens erfährt man in Pohls Studie allerdings kaum etwas. Hier liegen die Grenzen seines Ansatzes, der lediglich die institutionellen Rahmenbedingungen und die philosophischen, pädagogischen und administrativen Diskurse untersucht, die die akademische Textsorte "Hausarbeit" seit ihrer Etablierung begleiteten.

Dass Pohl keine konkreten historischen Seminararbeiten untersucht, könnte aber vielleicht sogar von ihm selbst nachgeholt werden, weil er als Linguist für die Analyse eines Korpus von historischen (möglicherweise sogar korrigierten und benoteten) Seminararbeiten ja geradezu prädestiniert ist. Das Erfordernis einer breiteren empirischen Basis könnte dabei durch eine detaillierte Interpretation weniger Hausarbeiten aus unterschiedlichen Epochen eingelöst werden. Denn erst wenn historische Hausarbeiten analysiert werden, weiß der Leser genau, wie sich die wissenschaftstheoretischen und hochschulpädagogischen Deutungsmuster der Hausarbeit zur akademischen Alltagspraxis verhalten.

Es steht nämlich zu vermuten, dass nicht einmal in den Seminaren der großen Gelehrten des neunzehnten Jahrhunderts der Alltag wissenschaftlichen Schreibens mit den ambitionierten Programmtexten der Philosophen und Pädagogen deckungsgleich gewesen sein dürfte. Ulrich von Wilamowitz-Moellendorffs Erinnerungen lässt sich entnehmen, dass die textkritischen Hausarbeiten, die für Hermann Useners Seminar anzufertigen waren, auch nicht immer tiefschürfend waren und dem brennenden Interesse für den Gegenstand entsprangen; ein rheinländischer Kommilitone, der kurz vor dem Abgabetermin noch keine Zeile seiner Seminararbeit geschrieben hatte, gestand ihm seelenruhig: "Für Usener habe ich noch nichts, aber ich werfe ein paar Verse aus einem euripideischen Prolog hinaus. Dann ist er zufrieden ..."

CARLOS SPOERHASE

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