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: Der radikale Skeptiker will in Wahrheit zu viel Gewissheit

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In den Geisteswissenschaften trifft man immer wieder auf Autoren, die in ihrer Heimat hoch geachtet, im Rest der Welt aber unbekannt sind. Ein schönes Beispiel hierfür ist der im neuseeländischen Otago lehrende britische Philosoph Alan Musgrave. Musgrave, seit 2006 emeritiert, studierte bei Karl Popper an der London School of Economics.

          In den Geisteswissenschaften trifft man immer wieder auf Autoren, die in ihrer Heimat hoch geachtet, im Rest der Welt aber unbekannt sind. Ein schönes Beispiel hierfür ist der im neuseeländischen Otago lehrende britische Philosoph Alan Musgrave. Musgrave, seit 2006 emeritiert, studierte bei Karl Popper an der London School of Economics. Dort teilte er sich zeitweise ein Büro mit dem aus Ungarn stammenden, viel zu früh verstorbenen Wissenschaftstheoretiker Imre Lakatos. Beide, Musgrave und Lakatos, sind in ihrem Werk bemüht, eine Brücke zwischen Poppers falsifikationistischer Wissenschaftstheorie und dem wissenschaftshistorischen Ansatz Thomas Kuhns zu schlagen.

          Anders als Lakatos, der gedanklich in der kontinentalen, insbesondere linkshegelianischen Philosophie wurzelte, sind Musgraves Arbeiten durchgängig von einem soliden britischen Realismus und Pragmatismus geprägt. Damit begibt sich Musgrave, bei aller Übereinstimmung, auch in kritische Distanz zu Popper, wie man ebenso pointiert wie facettenreich an einer Sammlung von Vorträgen zu ganz unterschiedlichen Themen nachvollziehen kann, die unter dem Titel "Weltliche Predigten" bei Mohr Siebeck (Tübingen 2011) erschienen sind.

          Mit Popper wendet sich Musgrave vor allem gegen jede Form von erkenntnis- und wissenschaftstheoretischem Idealismus und Dogmatismus. Dementsprechend handelt es sich für Musgrave "bei Poppers kritischem Realismus um die einzige brauchbare Form von Realismus" - wenngleich an verschiedenen Punkten deutlich wird, dass für Musgrave Poppers Realismus nicht immer realistisch genug ist und eine ungesunde Tendenz zum Idealismus hat. Die Differenz zwischen den beiden Wissenschaftstheoretikern wird insbesondere bei der Bewertung Kants deutlich. Kann man Popper als Vertreter und Anwalt einer Kantischen Erkenntnistheorie verstehen, dem es darum ging, in moderner Terminologie die Wahrheit der Kantischen Philosophie darzulegen, so besteht für Musgrave die Absurdität von Kants Ansatz in dem Festhalten an einer "Welt der Erscheinungen". Das mache Kant, so Musgrave nicht ohne Grund, zum Ahnherrn des konstruktivistischen und postmodernen Anti-Realismus. Dem absoluten Skeptizismus konstruktivistischer und postmoderner Denkmoden setzt Musgrave einen moderaten "Gewissheits-Skeptizismus" entgegen, der sich auf unsere menschlichen Meinungen und Überzeugungen bezieht und nicht etwa auf die Dinge der Welt.

          Nicht die Welt ist eine Konstruktion, sondern unsere Ansichten über sie. Die radikale Skepsis ist für Musgrave das Produkt eines überspannten Begründungsanspruchs, der sich nicht mit guten Begründungen und funktionierenden Überzeugungen zufriedengeben will, sondern absolute Gewissheit fordert - wobei alles andere als klar ist, was "Gewissheit" in diesem starken Sinne sein soll. Was für Überzeugungen im Alltag gilt, gilt gleichermaßen für Theorien in den Wissenschaften: Anders als naive Realisten oder Induktivisten behaupten, lassen sie sich strenggenommen weder beweisen noch widerlegen.

          Analog zum erkenntnistheoretischen Skeptiker ziehen relativistische Wissenschaftstheoretiker daraus den Schluss, "in den Irrationalismus zurückzuspringen" und zu behaupten, Wissenschaft sei überhaupt kein Paradigma rationaler Nachforschung. Für Michael Polanyi und Thomas Kuhn etwa handelt es sich bei der Wissenschaft um eine "weitere organisierte Religion". Diesem Relativismus tritt Musgrave mit nüchterner Leidenschaft entgegen. Wie etwa das berühmte Beispiel des Falles Galilei zeigt, ist es durchaus möglich, dass falsche Theorien mit rationalen Argumenten und richtige Theorien mit falschen Argumenten verteidigt werden.

          Das bedeutet jedoch nicht, dass Wissenschaften nur Ideologie sind. Denn anders als bei weltanschaulichen Fragen, die offen für intellektuelle Verrenkungen sind, lassen sich absurde oder unsinnige Dogmen in den Wissenschaften nicht lange ernsthaft aufrechterhalten. Wissenschaften sind für Musgrave rational, weil "ihre kritischen Methoden immer bessere Theorien hervorbringen, die uns immer umfangreicher darüber in Kenntnis setzen, wie die Welt beschaffen ist". Dass er damit einen erheblich realistischeren Ton anschlägt als sein Lehrer Popper, sieht man auch an der Bewertung von Darwins Evolutionstheorie. Der Meister aus Wien hatte an Darwins Theorie im Wesentlichen zwei Dinge auszusetzen: Zum einen sei der Gedanke des Überlebens der Bestangepassten tautologisch und nicht überprüfbar, weshalb es zum anderen an einer kausalen Erklärung der adaptiven Evolution eines Organismus oder eines Organs fehle.

          Musgrave zeigt dagegen, dass der Tautologievorwurf auf der naiven Vorstellung beruht, die Bedeutung von Worten ausschließlich operational zu definieren. Doch ein Überlebender ist eben nicht nur, wie aus operationaler Perspektive, einer, der am besten angepasst ist, sondern gegebenenfalls auch jemand, der schlicht Glück gehabt hat. Allerdings erhöht sich die Wahrscheinlichkeit des Überlebens mit gewissen umweltabhängigen Eigenschaften. Anders als Popper meinte, zeigen dies zahllose Beispiele empirisch. Die gesamte Ökologie als Wissenschaft besteht zu einem Großteil aus solchen belastbaren Kausalerklärungen.

          Wie viele Theorien, so ist die Evolutionstheorie allerdings nicht isoliert überprüfbar, doch als Teil eines Theoriesystems ist sie von unerhörter Plausibilität: "Für die Evolutionstheorie spricht überwältigend viel. Die natürliche Auslese stellt den einzig plausiblen Mechanismus des evolutionären Wandels dar." Hinzu kommt: "Die Evolutionstheorie hat keinen ernst zu nehmenden Widersacher". Was an religiös motivierten Ideen auf dem Weltanschauungsmarkt im Umlauf ist, beruft sich nicht auf empirische Befunde, sondern versucht die Evolutionstheorie als empirisch unterbestimmt darzustellen. Dass dem nicht so ist, zeigt sich schon daran, dass sich, anders als bei jeder Theorie eines "Intelligent Design", leicht ein empirischer Befund vorstellen lässt, der in der Lage wäre, Darwins Theorie zu widerlegen. Das hätte sogar Popper zugestanden.

          ALEXANDER GRAU

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